Interview mit Media-Markt-Schweiz-CEO Patrick Marti

"Media Markt muss im Onlinegeschäft aufholen"

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Der neue Media-Markt-Schweiz-CEO Patrick Marti hat das Unternehmen in eine Transformationsphase versetzt. Im Interview spricht Marti darüber, wie er mit neuen Services, Category Management und einem Kulturwandel Marktanteil zurückgewinnen will.

Patrick Marti, CEO, Media Markt Schweiz. (Source: Netzmedien)
Patrick Marti, CEO, Media Markt Schweiz. (Source: Netzmedien)

Sie sind seit Juni neuer CEO von Media Markt Schweiz. Wie wollen Sie das Unternehmen ausrichten?

Patrick Marti: Ich begann im Januar als CCO bei Media Markt Schweiz und kannte den Markt und auch das Unternehmen schon vorher. Eingewöhnungszeit brauchte ich darum keine. Die Herausforderungen im Elektronikmarkt sind europaweit ähnlich, in der Schweiz aber etwas ausgeprägter, weil der digitale Handel bereits stärker verbreitet ist. Wir wollen zuerst die Grundlagen beherrschen, das Tagesgeschäft weg von der Produktorientierung hin zur Kundenorientierung verschieben. Wir entwickeln uns weg vom klassischen Verkaufskanal bezogenen Einkaufsmanagement hin zum Category Management, zu dem auch die Supply Chain und das Merchandising gehören. Wir kommen mit einem neuen Werbe-, Beratungs- und Servicekonzept. Von uns wird also einiges zu erwarten sein.

Was bedeutet das genau?

Zum Produkt gehören ein guter Preis, die richtige Menge sowie die passende Beratung und der richtige Service. Dafür müssen wir unseren Omni-Channel- und Serviceaspekt verstärken. Das klingt simpel, setzt aber einen Kulturwandel voraus, für den wir uns nicht viel Zeit geben.

Wie wollen Sie den Omni-Channel stärken?

Wir wachsen online stärker als der Gesamtmarkt, aber unser Anteil am Onlinehandel ist weniger als die Hälfte. Wir haben also noch Aufholbedarf, müssen noch schneller online wachsen. Dafür setzten wir letztes Jahr eine neue Shopping-Plattform auf, die wir von der Media-Saturn-Holding übernommen haben. Die Technik funktioniert, ist aktuell, auch die Verzahnung des Onlineshops mit den Märkten klappt. Doch wir müssen den Omni-Channel stärker leben. Das heisst aber nicht, dass wir dem stationären Handel schaden wollen, der nach wie vor den Löwenanteil ausmacht. Vielmehr soll der Kunde in den verschiedenen Kanälen keine Unterbrechung spüren und überall gleich behandelt werden.

Wie wollen Sie den Serviceaspekt stärken?

Wir müssen die Kundenbedürfnisse befriedigen. Lieferservice macht jeder, aber wir wollen besser sein als die anderen und zu dem Zeitpunkt ausliefern, wenn es der Kunde zuhause haben möchte. Ausserdem bieten wir innovative neue Services, die sonst niemand hat wie etwa das Kalibrieren des Fernsehers. Mit solch kleinen Dingen können wir den Unterschied ausmachen. Wir bieten das gesamte Lösungspaket.

Werden Sie die Preise im Service senken?

Nein, wir sind in vielen Warenkategorien und vor allem im Kernsortiment günstiger als die Konkurrenz. Wir mussten schon Preise erhöhen, weil sie nicht kostendeckend waren. Wir hatten aber nicht die richtigen Kommunikationskonzepte. Deshalb nimmt uns der Kunde als teurer wahr, als wir effektiv sind.

Wie sieht das neue Kommunikationskonzept aus?

Wir haben wieder einen intensiveren und besser sichtbaren Auftritt. Wir haben etwa wieder Flyer mit Aktionspreisen, was auch ein Zeichen an den Markt ist. Wir sind wieder hier und spielen mit. Wir haben gute Preise und Services, und wir sind nach wie vor der bekannteste Elektronikbrand.

Bei Media Markt muss ich jeweils lange nach einem Verkäufer suchen, der mich berät. Wollen Sie die Mitarbeiterzahl erhöhen, um die Beratungsleistung zu verbessern?

Wir werden die Mitarbeiterzahl nicht erhöhen, aber auch nicht stark restrukturieren. Verkäufer sind das Schlüsselelement in unserem Geschäftsfeld. Deshalb werden wir die Verfügbarkeit unserer Mitarbeiter verbessern. Dafür arbeiten wir derzeit an einem Tool, mit dem wir die Personalplanung verbessern.

Sie verantworteten zuvor das E-Commerce-Geschäft, den Einkauf und das Marketing. Media Markt hat das Onlinegeschäft verschlafen und ist nicht in den Top 10 der Schweizer Onlinehändler zu finden. Wie wollen Sie den Rückstand aufholen?

Ich sehe nicht ein, warum wir online und offline trennen sollten. Deshalb wären spezifische Online-Initiativen völlig falsch. Es sind verschiedene Verkaufskanäle, aber Kundenerlebnis, Service, Produkte und Preise müssen identisch sein.

Wollen Sie nicht in die Top 10 im Schweizer Onlinehandel?

Natürlich wollen wir das, aber ich mache keinen Unterschied zwischen dem On- und Offlinegeschäft. Wir wollen als Gesamtunternehmen eine dominierende Rolle im Elektronik-Markt spielen. Das bedeutet auch, dass wir im Onlinegeschäft aufholen müssen.

Warum ist Media Markt nicht mehr die Nummer eins im Schweizer CE-Handel?

Man hat vor vielen Jahren die Omnichannel-Ausrichtung zu spät angestossen, und wir haben teilweise unser Tagesgeschäft vernachlässigt.

Wie wollen Sie den Rückstand zu Coop und Migros aufholen?

Coop und Migros haben Zukäufe gemacht, wir nicht. Wir haben Anteile verloren, aber mit den richtigen Hebeln, der richtigen Strategie und den richtigen Massnahmen bringen wir das Schiff gerade wieder auf Kurs. Wir sind stark genug und verfügen über die notwendigen Ressourcen, um uns die verlorenen Marktanteile zurückzuholen.

Wie lautet Ihre Omnichannel-Strategie?

Wir müssen den Kunden jederzeit so bedienen, wie es für ihn am komfortabelsten ist – egal, ob er etwas nach Hause bestellen möchte oder lieber im Markt abholt. Das Einkaufserlebnis soll inline sein, dafür müssen alle an einem Strick ziehen, was zuletzt nicht immer der Fall war. Wir befinden uns in der Transformationsphase für den Omnichannel.

Bis wann wollen Sie die Transformationsphase abschliessen?

Es kommt auf die Tiefe der Projekte an, wird aber relativ schnell gehen und uns über die nächsten Monate begleiten. Intensive Massnahmen werden im Zweimonatsrhythmus spürbar sein.

Was sind das für Projekte?

Zurzeit sind wir an Organisationsthemen etwa fürs Category Management und fürs On- und Offline-Marketing dran. Wir werden auch bei unseren Service-Dienstleistungen nachlegen.

Wie wollen Sie die Kundenfrequenz im Laden erhöhen?

Wir haben kein Bekanntheitsproblem. Die rückläufige Kundenfrequenz in den vergangenen Jahren war nicht nur ein Phänomen von uns. Unsere Frequenzen sind immer noch massiv über denen von anderen Retailern.

Wie weit ist Media Markt Schweiz mit der Umsetzung des Kleinflächenkonzepts, mit dem das Unternehmen mehr in die Innenstädte gelangen will?

Wir haben es versucht, es ist spannend, aber nicht einfach, weil alle nach hochfrequentierten Kleinflächen in den Innenstädten suchen. Diese Mieten kann ein Elektronikunternehmen nicht bezahlen. Wir haben genügend Hausaufgaben zu erledigen, deshalb haben Kleinflächen derzeit keine Priorität.

Werden Sie bestehende Märkte verkleinern?

Ja, es gibt Flächenanpassungen wie zuletzt etwa in Volketswil. Aber die Konsumenten werden das kaum bemerken.

Werden Sie weitere Märkte schliessen?

Wir planen keine exorbitanten Rückzugsstrategien oder Schliessungen. Als Omnichannel-Unternehmen braucht es ein Netz mit stationären Märkten. Wir sind sicher, dass der Konsument dies schätzt. Niemand hat so eine grosse Auswahl in den Märkten wie wir. Wir hatten Temporärschliessungen im vergangenen Jahr, etwa in Oftringen, der Markt öffnet aber bereits in diesem Jahr wieder. Wir haben auch Standortverschiebungen, aktuell etwa in Winterthur.

Was ist das für eine Standortverschiebung in Winterthur?

Wir haben uns das gesamte Portfolio im Raum Winterthur angesehen und für den Kunden so die beste Lösung gefunden: Kesselhaus schliessen und Hegi Richtung Winterthur Grütze verschieben.

Wie verläuft das Geschäft über die Virtual Shelf?

Auf den Displays sah man zu Beginn nur den Lageplan. Das war noch keine Virtual Shelf. Wir haben so viel Potenzial und könnten die Digitalisierung in unseren stationären Märkten stark verbessern. Aber es muss aus Konsumentensicht sinnvoll sein. Wir verfügen über eine Abteilung in der Holding, die sich um solche Innovationsthemen kümmert. Unsere Gruppe hat viele Stärken, und je mehr wir als Gruppe agieren, desto mehr können wir voneinander profitieren und desto intensiver werden wir auch wieder im Markt auftreten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Denken wir nur an Virtual Reality. Für junge Leute ist das schon Alltag. Ich kann noch nichts Konkretes sagen, aber da wird sich bei uns unglaublich viel tun. Die Konkurrenz wird sich warm anziehen müssen.

Wie wollen Sie von der Media-Markt-Gruppe profitieren?

Zum Beispiel im Content Management. Wir müssen alles in den vier Landessprachen haben. Warum sollten wir nicht Content von Deutschland, Italien oder Benelux übernehmen? Die Content Manager wären dann schneller und hätten eine höhere Workload-Kapazität.

Wie weit sind Sie mit den Umsetzungen der Themeninseln, die ich Ende 2018 an der Lancierung in Dietlikon gesehen habe?

Das werden wir nicht mehr vorantreiben.

Wird wieder zurückgebaut?

Ja, im normalen Zyklus von Ladenumbauten. Themeninseln sind ein Kundenbedürfnis, aber nicht in der Art, wie wir es geplant haben.

Warum nicht?

Der Kunde nutzte die Themeninseln zu wenig. Aber das Thema Reparaturbar kommt sehr gut an, das haben wir in allen Märkten umgesetzt. Jetzt muss der Kunde nur noch von diesem Service wissen.

Welche Auswirkungen haben die Sparmassnahmen mit Entlassungen bei der Media-Saturn-Holding für Media Markt Schweiz?

Als Unternehmer kann ich nachvollziehen, was man dort macht. Mit Media Markt Schweiz hat dies aber nichts zu tun.

Wie verlief das vergangene Geschäftsjahr für Media Markt Schweiz, im Geschäftsbericht der Media-Saturn-Holding hiess es, dass es in der Schweiz nicht gut lief?

Das ist richtig, aber wir haben Fortschritte gemacht und sind auf einem guten Weg. Ich will, dass der Konsument zufrieden ist mit uns, denn dann geht es uns gut.

Erwarten Sie Wachstum in diesem Geschäftsjahr?

Das ist schwierig zu sagen, weil wir wegen Umbauten temporäre Schliessungen hatten. Da fehlt am Ende Umsatz. Aber wir gewinnen Marktanteile. Unser Geschäftsjahr dauert ja jeweils bis Oktober und wir sind auf einem guten Wachstumsweg.

Was sind die Wachstumsfelder von Media Markt Schweiz?

Service und Dienstleistungen. Wir machen auch einen sehr guten Job in den Bereichen GSM und Bodenpflege. Grundsätzlich wachsen wir in den Wachstumsfeldern stärker als der Markt. In rückläufigen Bereichen wie Navigationsgeräte gehen unsere Verkäufe ausserdem viel weniger schnell zurück als im Gesamtmarkt.

Wie wichtig sind Aktionstage wie Red und Black Friday für Media Markt Schweiz?

Aktionstage wie Red und Black Friday entsprechen einem Kundenbedürfnis. Sie sind deshalb für uns sehr wichtig – und sehr erfolgreich.

Persönlich

Patrick Marti (38) ist am 1. Januar 2019 in die Geschäftsleitung von Media Markt Schweiz eingetreten. Er blickt auf eine langjährige Erfahrung im IT-Bereich und Consumer-Electronics-Geschäft zurück. So war er beim Migros-Genossenschaftsbund MGB unter anderem Category Field Manager IT, Category Manager Multimedia und danach Spartenleiter M-Electronics. 2016 wechselte er als CEO zum führenden Schweizer Carsharing-Unternehmen Mobility. Patrick Marti ist geschieden und Vater von zwei Kindern. Seine Hobbys sind seine Kids, Joggen und Golf. (Source: Media Markt Schweiz)

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