Country Manager Switzerland bei Medion

Was Andreas Müller von Medion zum Thema Gaming rät

Uhr | Aktualisiert

Medion ist eine Technologiepartnerschaft mit "eParadise Zürich" eingegangen. Was den PC-Hersteller mit der nach eigenen Angaben grössten Schweizer E-Sports-Bar vereint, erklärt Andreas Müller im Interview. Der Country Manager Switzerland von Medion will sein Sortiment für den Fachhandel öffnen.

(Source: Netzmedien)
(Source: Netzmedien)

Warum ist Medion Switzerland eine Partnerschaft mit "eParadise" in Zürich eingegangen?

Andreas Müller: Triebfeder für die Partnerschaft war, dass wir Hardware erlebbar machen wollten. Denn Gaming-Hardware muss man ausprobieren. Als möglicher Käufer hat man Fragen wie: "Arbeitet der Wasserkühler leise? Wie reagiert die mechanische Tastatur? Wird mir mit einer VR-Brille schwindlig?" Auf solche und weitere Fragen kann man in der Flyerwerbung nicht eingehen.

Was bietet Medion zum Thema Virtual Reality?

Medion war im vergangenen Oktober der erste Anbieter auf dem Markt mit einer Mixed-Reality-Lösung. Das System basiert auf einer Microsoft-Entwicklung. Das Kit besticht vor allen durch sein geringes Gewicht und den niedrigen Preis von unter 500 Franken. Gegenüber bestehenden Systemen wie Oculus Rift oder HTC haben wir den Vorteil, dass das System ohne ein aufwendiges Installa­tionsverfahren respektive einen Steuersensor an der Decke auskommt.

Warum haben Lenovo und Medion unterschiedliche Brillen?

Es liegt auf der Hand, dass wir als IT- und UE-Anbieter auch in diesem Segment vertreten sein wollen. Da Medion und Lenovo eigenständig operieren, sind wir mit unterschiedlichem Design und Branding unterwegs. Die Medion-­Brille läuft unter dem Brand "Erazer", die von Lenovo unter der Bezeichnung "Explorer". Virtual Reality ist für uns sehr wichtig, denn wir wollen das ganze Ökosystem im Bereich Gaming anbieten.

Was deckt dieses Ökosystem ab?

Im Gaming-Bereich haben wir neben PCs, Notebooks und Monitoren auch ein ausgewogenes Zubehör-Line-up mit Tastaturen, Mäusen, Headsets etc. Dazu die VR-Lösung, einen Gaming-Stuhl und unser jüngstes Kind: eine Kleider-Linie mit Hoodies, Shirts, Caps etc.

Über welche Kanäle verkauft Medion Kleider?

Das ist sehr stark onlinegetrieben, weil es um Verfügbarkeit geht. Dazu kommen aber auch neue Verkaufsplattformen wie etwa das "eParadise", wo Kunden auch um Mitternacht einen Pulli anprobieren und erwerben können. Verkaufs- und Vertriebsformen werden sich völlig ändern.

Was heisst das konkret?

In den 90er-Jahren gab es zwei Arten von Händlern. Zum einen den klassischen kleinen PC-Händler um die Ecke und zum anderen professionelle Firmen, die Unternehmen mit Netzwerken und Servern ausrüsteten. Seither kamen Retailketten, Elektromärkte und auch Onlinehändler dazu. In Zukunft wird dem Endkunden nicht mehr klar sein, wo er was bekommt. Schon heute bieten auch Food-Channels Computer und Waschmaschinen an.

Was bedeutet das für den klassischen kleinen PC-Händler?

Ein Unternehmen muss sich überlegen, auf welche Bereiche und auf welches Geschäftsmodell es setzen will. Offline? Online? Mit welchem Personal? Es vermischt sich alles immer mehr.

Was raten Sie dem PC-Handel?

Wenn sich immer mehr vermischt, ist auch nicht immer klar, welche Zielgruppe man angehen soll. Oftmals sind jüngere Konsumenten nicht mehr so treu, sie kaufen dort ein, wo sie das Produkt erleben, wo es schnell und zu einem knackigen Preis verfügbar ist.

Was bedeutet das für den Fachhandel, der auf Stammkunden setzt?

Er steht vor grossen Herausforderungen. Einige Händler werden leider verschwinden. Nach der Bereinigung wird es mehr Spezialisten geben, die mehr Services und Dienstleistungen anbieten werden. Oder die einfach ihre Vertriebsform ändern.

Zum Beispiel?

Die hohen Ladenmieten sind heute für viele Händler eine grosse Belastung. Wenn die Kunden am POS fehlen, wieso braucht der Händler dann noch einen Laden? Der Händler braucht neue Konzepte, er muss dem Kunden ein Erlebnis bieten. Der Endkunde will Unterhaltung. Der Verkauf wird aber auch öfter in der Stube oder an Partys erfolgen. Vielleicht geht es auch wieder zurück zur Garage.

Welche Bedeutung hat der Onlinehandel für Medion?

Eine sehr starke, vor allem im Bereich High-End-Gaming. Wir müssen aufzeigen, warum ein PC auch mal 5000 Franken kosten kann. Stationär bieten Händler nur beschränkt Platz hierfür, daraus ableitend bietet sich der Online­handel an.

Was raten Sie dem stationären Handel?

Dem Handel wird es nicht möglich sein, ein ganzes Line-up an Lager zu haben, da dies eine hohe Liquidität und enorme Verfügbarkeit respektive Lager- und Verkaufsfläche zur Folge hätte. Er muss Auszüge aus dem Line-up physisch zeigen und erlebbar machen. Daran gekoppelt benötigt er einen Onlineshop/Partner, bei dem er die übrige Ware schnell abrufen kann. Der Autoverkäufer hat ja auch nur eine dedizierte Auswahl von Fahrzeugen vor Ort, und übrige Modelle werden konfiguriert und ins Werk bestellt. Beim PC sehe ich dies ähnlich. Es geht ums Ausprobieren und Erleben. Wenn man nach einer Probefahrt oder der Benutzung der Erazer-VR ein gutes Gefühl hat, steht einem Kauf bei diesem Anbieter wenig im Wege.

Wird es mehr "eParadises" geben?

Ich kann mir dies sehr gut vorstellen, mehr kann ich dazu aber noch nicht sagen.

Raten Sie dem Handel zu eigenen Konzepten im Stile eines "eParadise"?

Wenn man Gaming verkaufen will, muss man zu den Gamern gehen. Damit verschiebt sich das Bild der Marketingaktivitäten. Der Beratungs- und Demonstrationseffekt hat sich stark verschoben. Auch Medion zeigt sein Gaming-Line-up dort, wo man es erleben kann. Wir sind an grossen Publikumsmessen wie der Fantasy in Basel, der Suisse Toy in Bern und an der Zurich Game Show mit eigenem Stand vertreten und wollen zeigen, was wir zu bieten haben. Wo der Kunde anschliessend das Produkt erwirbt, ist uns egal.

Würde Medion Technologiepartnerschaften wie beim "eParadise" mit Händlern eingehen?

Selbstverständlich, dies würden wir prüfen. Die Präsentation und die Verkaufsformen werden sich ändern. Das "eParadise" ist eine Möglichkeit, aber nicht die einzige.

Wo steht E-Sports in der Schweiz?

Es wird mehr gespielt, als manch einer wahrhaben möchte. Wir stehen an der Schwelle zur Messbarkeit. Im Sport will man sich messen, es braucht klare Regeln und Meisterschaften auf vielen Ebenen. Damit verändert sich auch das Umfeld. Nur spielen allein reicht nicht mehr aus. Neue Themen wie Mentaltraining, Ernährung, Fitness oder auch Antidoping müssen Einzug halten, wenn man Erfolg haben will. Es wird sich noch viel tun in den nächsten zwei Jahren. Aber es wird immer Spieler geben, die einfach Spass haben möchten und solche, die Gaming als Sport sehen und dafür Zeit und Geld investieren.

Wie kann der Handel vom E-Sport profitieren?

E-Sportler stehen auf Powergeräte und viel Zubehör. Weil sie viel spielen, ist eine gewisse Abnützung nur logisch. Die Nachfrage nach entsprechender Hardware ist da. Dies gibt Impulse für den Handel.

Sie arbeiten seit fast 14 Jahren bei Medion. Wie hat sich der PC-Markt in dieser Zeit entwickelt?

Das Aussehen und Leistungsspektrum veränderte sich, es gibt nicht mehr ein Gerät für alle Anwendungen. Der PC-Handel wurde herausfordernder. Einige Segmente erleben eine rückläufige Nachfrage. Aber es gibt Gegentrends. Beim Gaming wächst der Handel überdurchschnittlich. Für Medion war Gaming schon immer ein wichtiger Bereich, den wir mit der Erazer-Linie noch stärker fokussieren. Das ist auch eine Chance für den Handel, weil die Preispunkte bei Gaming-PCs oder Gaming-Notebooks höher angesiedelt sind, resultieren am Schluss höhere Deckungsbeiträge.

Wie arbeitet Medion mit dem Fachhandel zusammen?

Wir tun uns schwer mit dem Begriff Fachhandel, weil nicht klar ist, was darunter zu verstehen ist. Ein Händler, der sich auf gewisse Bereiche wie Gaming, High-End-PCs oder Household spezialisiert, soll aber in Zukunft vermehrt in unserem Fokus stehen.

Inwiefern?

Indem wir einen Teil des Portfolios für weitere Partner öffnen. Wir können jedoch den Kleinhändler um die Ecke nicht direkt bedienen, weil dieser nicht die Quantität für eine Direktbelieferung erfüllen würde. Daraus ableitend ist Distribution eine Option.

Sind Sie auf der Suche nach einem Distributor?

Erazer-Zubehör kann ja bereits über Ingram Micro bezogen werden. Ausserdem sind wir in Gesprächen mit weiteren Distributoren für Segmente wie PCs, Notebooks, TVs, Household und mehr. Zum gegebenen Zeitpunkt wird von uns zu hören sein.

Also eher physisch statt online?

Es wird neben dem klassischen Onlinehändler auch Mischformen geben.

Wie lange dauert es noch bis zum Durchbruch von E-Sports in der Schweiz?

Wenn man an LAN-Partys sieht, wie viele junge Leute spielen, ist das erstaunlich, da machen teils tausende mit. Es gibt bereits Schweizer Meisterschaften, es könnte aber noch viel mehr davon geben wie im Fussball mit verschiedenen Ligen und Stärkeklassen. Viele traditionelle Sportvereine werden ihr Portfolio um E-Sport ergänzen wie etwa beim FC St. Gallen, wo wir auch Technologiepartner sind.

Wie kommt der Handel an E-Sportler?

Man muss sich mit der Materie befassen und dort sein, wo E-Sportler sind. Von alleine kommen die nicht in den Laden. Viele Händler wissen noch gar nicht, was E-Sport ist. Ich empfehle jedem Händler, sich mit einer Agentur, einem Clan oder einer Gruppierung zusammenzutun. Natürlich kann er auch mit uns sprechen, wir vermitteln gerne.

Wo sind die E-Sportler?

Die sind unterschiedlich organisiert, es gibt Teams mit fixem Klublokal, wo sie trainieren und LAN-Partys veranstalten. Sie sind an den grossen Gaming-Messen oder an Schweizer Meisterschaften.

Welche Bedeutung hat Gaming im PC-Markt?

Für Mitbewerber kann ich nicht sprechen. Aber für Medion ist es ein sehr wichtiger Part, auf den wir uns seit den letzten fünf Jahren stark fokussiert haben.

Warum seit fünf Jahren?

Weil wir damals erkannt haben, dass sich der PC-Markt aufteilt und der Bereich Gaming stark wachsen wird. Für uns war klar, dass wir die Gamer nicht traditionell bedienen können. Sie haben andere Erwartungen an die Hardware. Sie brauchen leistungsfähige Geräte mit hohem Designanspruch. Ausserdem erwarten Gamer den Community- und den Hip-Gedanken.

Haben Sie den Hip-Gedanken?

Das kommt darauf an, wie man es betrachtet. Aus meiner Sicht absolut, denn unser Line-up und unsere Messeauftritte bestätigen dies. Wir haben nichts zu verbergen und lassen die Gamer in unsere Systeme sehen.

Steht Medion heute für Gaming-PCs?

Wir sind ein Dienstleistungs- und Handelsunternehmen, das praktisch in allen Segmenten zuhause ist, wo ein Stromstecker oder Akku benötigt wird. Ein Fokus ist der PC, aber wir produzieren auch Tablets, TVs, Haushaltsgeräte und mehr. Das wissen viele Endkunden nur nicht, weil wir oft unter Subbrands oder im Namen von Handelsketten produzieren.

Auch in der Schweiz?

Ja.

Welche Produktgruppen fehlen bei Medion?

Das lässt sich schwer sagen. Es gibt immer Warengruppen, bei denen die Nachfrage einbricht, und solche, die wachsen, aber das ist völlig normal. Bis vor wenigen Jahren verkauften wir beispielsweise sehr viele Digitalkameras. Dieser Bereich stürzt wegen der Handys ab, es braucht nur noch Profikameras. Wir werden mit den Trends gehen und sichten, welche Techniken reif sind, um sie in unserem Portfolio zu führen.

Wo produzieren Sie die Geräte?

Das hängt von der Warengruppe ab und an welchen Standorten unsere Industriepartner Produktionsstätten betreiben. Viele Produkte kommen aus Asien wie etwa unsere DAB+-Radios oder auch die meisten Haushaltsgeräte. Auf die PC-Produktion in Deutschland sind wir besonders stolz, da wir dadurch eine Wertschöpfung in Europa erbringen und eine flexible und schnelle Verfügbarkeit gegenüber unseren Handelspartnern bieten.

Wie kann Medion PCs in Europa produzieren und dann günstig über Discounter wie Aldi verkaufen?

Wir sind immer auf der Suche nach dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis. Dabei hilft uns, dass wir sehr gute Partnerschaften in der PC-Industrie eingegangen sind. Ausserdem haben wir eine sehr effiziente und schlanke Organisation. Wenn wir etwa in Deutschland ab Werk produzieren, geht die Ware mit dem Lastwagen direkt zum Kunden, da ist kein Zwischenlager und/oder Händler dabei.

Wie hat sich die Übernahme Medions durch Lenovo ausgewirkt?

An unserem Geschäftsmodell gab es keine Änderungen. Wenn man aber hinter die Kulissen schaut, können wir Synergien nutzen, etwa im Bereich der Beschaffung und Entwicklung.

Wird es eine Zusammenlegung der Produktion mit Lenovo geben?

Ich kann nicht beurteilen, was die Heeresleitung bestimmt. Aber warum sollte man ein erfolgreiches Geschäftsmodell ändern?

Warum beliefert Medion in der Schweiz hauptsächlich Interdiscount und Landi?

Diese Channels haben Sie genannt. Es gibt weitaus mehr Handelspartner, welche die Vorteile des Medion-Geschäftsmodells nutzen. Wir bieten grossen Handelsunternehmen etlichen Mehrwert. Das kann bedeuten, dass wir exklusive Modelle beschaffen, eine dedizierte Verpackung entwickeln oder den Lieferumfang optimieren. Wir definieren kundenspezifische Aftersales- und Logistikprozesse ab Werk bis zur Verkaufsfront. Immer wichtiger werden Services, die Endkunden zunächst oftmals nicht als Medion-Dienstleistung wahrnehmen.

Zum Beispiel?

Wir bieten unter anderem einen Fotoservice bei Aldi Suisse, erbringen Aftersales-Services für Lenovo oder führen den "Medion LifeXpress Kiosk".

Planen Sie ein Partnerprogramm für den Fachhandel?

Für grosse Partner haben wir natürlich dedizierte Partnerprogramme. Für kleine Händler ist ein dediziertes Programm nicht gegeben.

Wie gross ist Medion Schweiz?

Grundsätzlich kommunizieren wir bei Medion in der Schweiz keine Umsatz-, Gewinn- und/oder andere Kennzahlen. Wir konsolidieren alles in der Medion AG in Deutschland, wo der Geschäftsbericht entsprechend auf der Website hinterlegt ist.

Was heisst das konkret?

An der Umsetzung der Medion-Aktivitäten in der Schweiz arbeitet ein grösseres Team, das an diversen Medion-Standorten angesiedelt ist, unter anderem in Wels (AT), Essen und Oberursel (DE) sowie in der Schweiz in Schlieren und bei mir direkt in Zürich. Sie können davon ausgehen, dass wir in einem nicht einfachen Elektronikumfeld ein gutes Ergebnis für die Medion AG erzielen.

Wollen Sie das Team in der Schweiz ausbauen?

Wir denken darüber nach.

Können Sie mehr dazu sagen?

Dazu kann ich keine Aussage treffen, da wir, wie gesagt, über die einzelnen Länder keine Kennzahlen veröffentlichen. Medion ist dafür bekannt, dass wir, wo immer es sinnvoll erscheint, "zentralisieren". Aktuell beschäftigt die Medion zirka 1000 Mitarbeiter, und wir prüfen, über welchen Standort wir zusätzliche Mehrwerte gegenüber dem CH-Geschäft schaffen.

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