2. Konferenz zum Schweizer E-Commerce

Dem Schweizer Onlinehandel auf den Zahn gefühlt

Uhr | Aktualisiert

In Bern haben sich Vertreter aus Wirtschaft und Politik getroffen, um über die kommenden Veränderungen im Schweizer Onlinehandel zu diskutieren. CVP-Ständerat Beat Vonlanthen forderte eine Label-Strategie für den Schweizer E-Commerce.

Die E-Commerce-Konferenz von Netcomm Suisse und der Berner Fachhochschule fand im Berner Rathaus statt. (Source: Netcomm Suisse)
Die E-Commerce-Konferenz von Netcomm Suisse und der Berner Fachhochschule fand im Berner Rathaus statt. (Source: Netcomm Suisse)

Der Schweizer Onlinehandel floriert, ihm stehen aber einschneidende Veränderungen bevor. Amazons Markteintritt und die europäische Datenschutzgrundverordnung werden die hiesige E-Commerce-Industrie in diesem Jahr beschäftigen, wie sich vergangenen Dienstag im Berner Rathaus gezeigt hat. An der zweiten E-Commerce-Konferenz der Berner Fachhochschule und des Branchenverbands Netcomm Suisse mit dem Titel "Regulatory Framework for Operating E-Commerce in Switzerland" war zwar niemand von Amazon vor Ort, der US-Konzern schien dennoch allgegenwärtig.

Weil die Schweizerische Post die Verzollung für Amazon übernimmt, kann der Konzern Schweizer Kunden einen 24-Stunden-Lieferservice anbieten, wie die Berner Fachhochschule schreibt. Schon jetzt wächst der grenzüberschreitende Onlinehandel massiv und wird dies gemäss dem Branchenverband in den kommenden Jahren noch stärker tun. Laut Netcomm-Direktor Carlo Terreni wird der Verband die Auswirkungen vor und nach Amazons Eintritt genau beobachten.

"Amazon ist nicht nur unser Feind"

Patrick Wolf, Business Development Manager E-Commerce bei der Post, verlor kein Wort über den Deal mit Amazon. Stattdesssen sprach er über den Wert von Swissness. Die Schweiz geniesse weltweit einen guten Ruf, etwa bei der Produktqualität, beim Datenschutz oder bei der Zahlungssicherheit, wovon Schweizer Onlinehändler profitieren könnten.

Patrick Wolf, Business Development Manager E-Commerce bei der Post. (Source: Netzmedien)

Auch Rico Baldegger, Director der Hochschule für Wirtschaft in Freiburg, sprach über die Möglichkeiten, die sich Schweizer Händlern bei einer Internationalisierung eröffnen würden. Er riet, die Kompetenzen für eine Internationalisierung intern aufzubauen statt auszulagern.

Rico Baldegger, Director der Hochschule für Wirtschaft in Freiburg. (Source: Netzmedien)

Der Genfer Rechtsanwalt Alex Naray ist selbst auf Amazon aktiv und sprach über die Vorzüge der Plattform und wie leicht es sei, als Händler Zugang zur Plattform zu bekommen. Ausserdem profitierten Händler von umfangreichen Verkaufsanalysen für einzelne Produkte. "Amazon ist nicht nur unser Feind", sagte Naray. Die Hälfte der verkauften Waren bei Amazon komme von Drittanbietern.

Rechtsanwalt Alex Naray. (Source: Netzmedien)

Jeder Markt wird digital

Reinhard Riedl von der Berner Fachhochschule sprach über die Zukunft des Schweizer E-Commerce. Laut Riedl wird fast jeder Markt digital. Deshalb müsse sich jedes Unternehmen schnellstens digitale Fähigkeiten aneignen und ausbauen, flexibel bleiben sowie eine Datenstrategie entwickeln und implementieren. Cyber-Security und das Kundenvertrauen würden wichtiger. Das Erfolgsgeheimnis liege in der Customer Experience. Tiefere Logistikkosten und Bürokratieabbau sieht Riedl kommen. Die Regeln für die digitale Wirtschaft bestimmen laut Riedl Regimes wie die USA, China, Russland und die EU. Doch die Schweiz habe es in der Hand, ob sie sich mit dem europäischen digitalen Binnenmarkt verbinden, sich für Bürokratieabbau einsetzen und auf Weiterbildungen setzen wolle.

Reinhard Riedl von der Berner Fachhochschule. (Source: Netzmedien)

Luca Cassetti, Director Public Affairs für die EU vom Banchenverband Ecommerce Europe sprach über die Schwierigkeiten des grenzüberschreitenden Handels und der Idee des Digital Single Markets in der EU. Statt Geo-Blocking zu verbieten, wie von der zuständigen EU-Kommission vorgeschlagen, wünscht er sich eine vollständige Harmonisierung des EU-Rechts für den grenzüberschreitenden Onlinehandel. Auch die Mehrwertsteuer sollten Händler über ein Onlineportal mit einheitlichem elektronischem Registrierungs- und Zahlungsmechanismus leichter abrechnen können. Durch eine Harmonisierung würden auch Schweizer Händler von weniger Aufwand profitieren.

Cassetti sprach auch über das zweite grosse Thema der Konferenz, die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die am 25. Mai in Kraft treten und auch Schweizer Unternehmen betreffen wird. Vielen Unternehmen sei noch nicht klar, was das bedeutet, schliesslich seien auch noch nicht alle Rahmenbedingungen abgeschlossen.

Bakom-Direktor Philipp Metzger sprach über den Aktionsplan "Digital Switzerland", der etwa die Rahmenbedingungen für die digitale Wirtschaft setzen soll oder die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung (E-Gov) überprüft.

Die Legislative unternimmt einiges zum Thema, wie Justizdepartment-Direktor Martin Dumermuth sagte. Etwa mit dem Data Protection Act. Dumermuth forderte eine E-ID, mit der Nutzer ihre Identität im Netz beweisen könnten. Das würde etwa E-Government ermöglichen, aber auch der Onlinehandel würde von mehr Sicherheit profitieren, wenn sich die Käufer ausweisen müssten. Für die E-ID brauche es Unterstützung von Staat und Wirtschaft mit klaren Verantwortlichkeiten, sagte Dumermuth.

Justizdepartment-Direktor Martin Dumermuth. (Source: Netzmedien)

CVP-Ständerat Beat Vonlanthen erinnerte daran, dass mit Digital Switzerland und der E-ID zwar viel passiert, das Parlament aber noch mutiger werden müsse. Er forderte eine politische Agenda und eine Label-Strategie für den Schweizer E-Commerce. Auch der vollständige Zugang zum europäischen digitalen Binnenmarkt sei ihm wichtig wie auch, dass ausländische Anbieter nicht bevorteilt würden.

CVP-Ständerat Beat Vonlanthen. (Source: Netzmedien)

Sichtlich verärgert über die nach Eigenaussage Bevorteilung ausländischer Anbieter zeigte sich Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels (VSV). Ausländische Firmen zahlten der Post weniger als die Schweizer Wettbewerber. Die "Free-Lunch-Mentalität" ohne Mehrwertsteuerabrechnung für Einkäufe bis 65 Franken sei viel zu hoch angesetzt im Vergleich zu den 22 Euro in der EU. Da die Anzahl Transaktionen ohne Mehrwertsteuerabrechnung dramatisch zunehme, würden die Mehrwertsteuereinnahmen "verdunsten". Kessler forderte, dass sich die Schweiz an der EU-Sonderregelung Mini-One-Stop-Shop teilnimmt, damit die Mehrwertsteuerabrechnung zentral übermitteln werden könne.

Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels. (Source: Netzmedien)

15 Prozent im E-Commerce sind grenzüberschreitend

Pascal Clivaz, Deputy Director General des Branchenverbands Universal Postal Union (UPU), brachte die Post in Spiel, die neben Staat und Wirtschaft beim E-Commerce mitentscheiden müsse. Er brachte internationale Zahlen zum E-Commerce. 20 Prozent jährliches Wachstum, 189 Milliarden grenzüberschreitender B2C-E-Commerce im Jahr 2015, das seien 15 Prozent des gesamten weltweiten Umsatzes im B2C-E-Commerce. Clivaz sprach von einem Tsunami an Paketen für die Post, die Anzahl Päckli nehme jährlich zweistellig zu.

Pascal Clivaz, Deputy Director General, Universal Postal Union. (Source: Netzmedien)

Nikolaus Lindner, Director Government Relations beim Onlineauktionshaus Ebay zählte Einkaufstrends wie künstliche Intelligenz mit Shopbots oder Virtual- und Augmented-Reality-Einkaufsmöglichkeiten auf.

Nikolaus Lindner, Director Government Relations bei Ebay. (Source: Netzmedien)

Die Präsentationen der Konferenz finden sich als Download auf der Netcomm-Website.

Webcode
DPF8_76991

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