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Streaming trickst Lautstärkewahn aus

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Pop-Liebhaber hoffen, im HD-Zeitalter anzukommen. Streaming-Plattformen können einiges in ­Bewegung bringen im Lautstärkewahn. Trotzdem sind sie mit Skepsis zu betrachten.

HD-Audio bietet phänomenale Klangqualität. Leider kommen vor allem Klassik-Liebhaber in diesen Genuss. Wer sich in der Pop-, Blues- oder R&B-Welt zuhause fühlt, bekam in den letzten Jahren in puncto Aufnahmequalität zunehmend miserableren Sound vorgesetzt. Die Gründe hierfür liegen in grundsätzlich unterschiedlichen Produktionsmethoden und Zielgruppen der Pop-, Jazz- und Klassik-Genres. Gilt bei der Klassik die feingeistige Reproduktion alter Meisterwerke in neuen Interpretationen und gesteigerter Klangästhetik, gilt es im Pop-Bereich, möglichst marktschreierisch und laut die Ware an den Mann zu bringen. Es gilt: Laut verkauft sich besser.

Bei der Dynamikkompression werden beim Mastering die leisen Stellen im Musikstück lauter gemacht und die lauten Stellen leiser. Gleichzeitig wird die durchschnitt­liche Lautheit bis an die Systemgrenze des Speicherme­diums angehoben. Ein so in der Dynamik beschnittenes Musikstück klingt lauter, druckvoller, aber auch unnatürlicher, meist aggressiver und mit weniger Feindetails. Einen so verunstalteten Sound in einen HD-Container zu packen, ist sinnlos.

 

Der ärgerliche Griff zum Lautstärkeregler

Es gibt mehrere Messmethoden, den Dynamikumfang eines Musikstücks als Zahlenwert auszudrücken. Geläufig sind der DR-Wert (Dynamic Range) und die EBU-Richt­linie R128 mit den LUFS-Werten (Loudness Unit Full ­Scale / 1LUFS ≈ 1dBFS). Auf diesen LUFS-Werten baut auch das Dynameter auf und führt mit dem «Peak to Loudness Ratio» (PLR) eine sinnvolle Messgrösse ein, die den Unterschied zwischen der integrierten Lautheit und dem Spitzenwert beschreibt. PLR-Werte sind 2 bis 3 Ziffern höher als die entsprechenden Werte der DR-Skala.

Grössere Lautstärkeunterschiede zwischen Musikstücken zwingen Hörer, den Unterschied mit dem Volumenregler auszugleichen. Was beim bewussten Hören ab CD/LP oder Musikserver kaum ein Problem ist, kann beim Hintergrundhören ab Radio oder Streaming Playlist ärgerlich sein. In den letzten Jahrzehnten wurde bei Pop-Produktionen die Lautheit kontinuierlich erhöht. Eine Playlist mit Songs aus den letzten 30 Jahren erzwingt immer wieder den Griff zum Lautstärkeregler. Mithilfe der Lautstärke­normalisierung lässt sich das lästige Lauter- und Leiserstellen automatisieren.

Die European Broadcasting Union definiert den Pegel von -23LUFS (23dB unterhalb der Vollaussteuerung) als Normlautstärke. Die durchschnittliche Lautheit eines Musikstücks wird mit einem komplexen Messverfahren ermittelt und mit dem Richtwert von -23LUFS verglichen. Die Abweichung davon wird als «+/-»-Differenzwert erfasst. Die Wiedergabesoftware im Radiostudio oder Streaming-Dienst kann so das Nachregeln der Lautstärke anhand dieser Werte automatisch ausführen. Wie laut oder leise generell gehört wird, bestimmt aber immer noch der Hörer, nur die deutlichen Lautstärkeunterschiede zwischen den Stücken verschwinden. Der Lautstärkeunterschied innerhalb des Musikstücks, also die Dynamik, bleibt jedoch unangetastet. Apple Sound Check, Spotify, Tidal, Youtube arbeiten alle mit Lautstärkenormalisierung. Eine feine Sache, besonders wenn sich die Automatik bei Bedarf ein- und ausschalten lässt. Auch der Lautstärkewahn wird damit ausgetrickst, da laute Stücke einfach leiser geregelt werden. Ein dynamikkomprimiertes, auf Normlautstärke heruntergeregeltes Musikstück (tiefer DR-/PLR-Wert) klingt im Vergleich zu einem dynamischen Song deutlich schlechter.

 

Abkehr vom Lautstärkewahn

Lautstärkenormalisierung ist allerdings kein uneingeschränkt positives Mittel und eigentlich in erster Line eine Symptombekämpfung. Langfristig ist die Abkehr vom Lautstärkewahn der richtige Weg. Hier können Streaming-Plattformen einiges in Bewegung bringen: Einfach laut Mastern bringt nichts mehr. Im Gegenteil: Normalisiert treten klangliche Schwächen offen zutage. Innerhalb eines Albums gibt es dynamischere und ruhigere Lieder. Bei Klassik unterscheiden sich die vier Sätze einer Symphonie auch durch deren Lautheit. Hört man ein Album als Ganzes, regelt die Normalisierung diese gewünschten Unterschiede aber weitgehend aus. Wie stark die Lautstärkenormalisierung für klangliche Unterschiede zwischen Streaming und Wiedergabe ab CD oder Musikserver verantwortlich ist, bleibt offen. Klangvergleiche sind nur dann aussagekräftig, wenn man Vergleichsstücke mit identischer Lautstärke abspielt.

Aus audiophiler Sicht sind Streaming-Dienste mit gewisser Skepsis zu betrachten. Wer auf kompromisslose Klangqualität aus ist, wird diese Dienste eher als Ergänzung denn als Ersatz zu seiner sorgsam im Server oder auf CD/LP angelegten Sammlung betrachten. Eine leichte, behutsam eingesetzte Dynamikkompression kann sich klanglich durchaus positiv auswirken. Details lassen sich klarer wahrnehmen. Es ist aber wie bei Speisen, zu viel an Würze verdirbt das Essen.

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