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Hochpräzise Audiosysteme: Fluch oder Segen?

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von Fritz Fabig CEO, B&W Group Schweiz

Moderne Audiosysteme können Musik hochpräzise aufnehmen und auch wiedergeben. Sie sind so genau, dass es den Hörer iritieren kann.

Ein transparentes, präzises Audiosystem wandelt die gespeicherte Musikinformation mit einer extrem geringen Fehlerquote in Schallenergie um. Im Idealfall wird dem Signal nichts hinzugefügt und es wird nichts weggelassen. Im Zeitbereich treten keinen Schwankungen auf, die Signalwellenform wird genau reproduziert. Die faszinierende Präzision eines solchen Systems lässt sich besonders gut bei Raumaufnahmen mit akustischen Instrumenten erleben. Doch noch ist kein auf dem Markt befindliches Gerät oder Lautsprecher fehlerfrei. Gutes unterscheidet sich lediglich anhand der Fehlerquote, respektive dem Grad der Signaldeformation sowie den hinzugefügten Verzerrungskomponenten. Weitere bedeutende Faktoren sind ideale Gerätekombination, korrekte Aufstellung der Lautsprecher und die akustischen Gegebenheiten des Abhörraums.

Ein System mit extrem geringer Fehlerquote ist weitgehend frei von Verdeckungs- respektive Maskierungseffekten, Feindetails sind besser oder überhaupt erst hörbar. Präzise und stimmige Aufnahmen kommen besser zur Geltung, das Hörerlebnis ist intensiver. Die Kehrseite: Fehler und Manipulationen einer Einspielung treten nun offensichtlich und störender zutage. Die Qualitätsbandbreite, oder anders formuliert die Darstellungsbandbreite, eines transparenten Audiosystems (TRP) ist grösser als bei einem System mit deutlichen Verdeckungseffekten (VDE). Transparente Systeme decken einen grösseren Bereich auf der Perzeptionsachse ab (positiv – negativ).

Den subjektiven Ansatz mit technischen Aspekten ­verbinden

Die genaue Einordnung in die Hörqualitätsskala ist subjektiv, hängt von der Perzeption des Hörers ab. Perzeption ist die selektiv, subjektive Wahrnehmung der Schallinformation. Diesem subjektiven Ansatz steht die Erfassung der technischen Eigenschaften eines Gerätes oder Lautsprechers mithilfe der Messtechnik gegenüber (mathematisch-physikalischer Ansatz). Wer professionell im Musikaufnahme- und Wiedergabebereich arbeitet, muss fähig sein, den persönlich subjektiven Ansatz mit den abstrakt technischen Aspekten zu verbinden. Dies ermöglicht eine objektivere Erfassung und Beurteilung von Komponenten und Systemen.

Das sollte auch der Musikliebhaber berücksichtigen. Soll man bewusst ein mittelmässiges System kaufen, damit auch schlechte Aufnahmen erträglich klingen? Man muss sich der eigenen Perzeption bewusst sein, muss kritisch die eigenen Massstäbe und Hörgewohnheit hinterfragen. Mit dem bisher Bekannten ist man vertraut. Radikal neue Höreindrücke müssen zuerst eingeordnet werden. Die gesteigerte Transparenz neuerer Audiosysteme kann irritieren, wenn man ein hochauflösendes Klangbild in dieser Form bisher nicht kannte. Kommt nun noch eine schlechte Aufnahme mit all ihren Fehlern zur Wiedergabe, zeigt der Daumen schnell mal nach unten.

Es braucht transparente Aufnahmen

Es ist erstaunlich, wie oft teure Audiosysteme unter ihren Möglichkeiten klingen, manchmal sogar gezielt mithilfe von Tuningzubehör. Der von vielen bevorzugte warme Klang entsteht oft durch Verdeckungseffekte, die unterschiedliche Ursachen haben können: nicht ideale Gerätezusammenstellung oder -qualität, schlecht positionierte Lautsprecher, Verschleifen des Signals im Zeitbereich, bewusster Einsatz von überholter Technik – um nur einige zu nennen. Der menschliche Hörsinn ist besonders empfindlich im Zeitbereich, wo die Auflösung bei rund 2 bis 5 Mikrosekunden liegt. Im Gegensatz dazu sind wir bei Frequenzgangfehlern sehr tolerant. Ein transparentes System muss somit vor allem eine sehr geringe Fehlerquote im Zeitbereich haben. Wohlgemerkt, dies gilt für alle Stufen des Systems: dem Aufnahmeprozess, der Schallspeicherung und beim Reproduktionsprozess. Ein Studio ohne transparentes Abhörsystem wird nur mit Glück und Erfahrung eine transparente Aufnahme herstellen. Ohne Verwendung von transparenten Aufnahmen in seiner täglichen Arbeit wird ein Händler (oder Konsument) nur mit Glück oder Erfahrung ein transparentes Wiedergabesystem zusammenstellen und installieren können. Dies ist quasi der Orientierungspunkt, an dem andere Systeme und Aufnahmen in Bezug gesetzt werden.

Es bleibt natürlich dem Musikliebhaber überlassen, was er als Klangideal empfindet. Ob die Vorstellung eher Richtung soft und warm geht, was ein Minus an Detail­auflösung bedingt, oder in Richtung Effekte und Druck, was ein eher raueres, weniger präzises, überzogenes Klangbild provoziert.

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