"Swisscom wird nicht zum Automobilhersteller"

Auto steuert sich selbst durch Zürich

Uhr | Aktualisiert

Swisscom hat das erste selbstfahrende Auto in die Schweiz gebracht. Konnte sich der gepimpte VW Passat im Zürcher Verkehr behaupten? Die Redaktion ging auf Testfahrt.

In der Schweiz ist erstmals ein selbstfahrendes Auto auf der Strasse gefahren: Ein modifizierter VW Passat kurvte durch Zürich-West. Der Prototyp wurde mit Sensoren, Computern und Software der Berliner Firma Autonomos Labs ausgerüstet. Das Spin-off der Freien Universität Berlin brachte das selbstfahrende Auto gemeinsam mit Swisscom in die Schweiz. Der Telko arbeitete dafür mit dem UVEK (Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation) zusammen.

Swisscom wittert Morgenluft

Doch was hat ein selbstfahrendes Auto eigentlich mit Swisscom zu tun? "Wenn eine Branche digitalisiert wird, sind wir vorne mit dabei", sagte Christian Petit, Leiter Grosskunden bei Swisscom, in Zürich. Selbstfahrende Autos würden zwar auch ohne Netz funktionieren, aber mit Konnektivität sei die Fahrt viel genauer und sicherer. Der VW Passat, der im Zürcher Kreis 5 unterwegs war, wurde per Software gesteuert. Ein Computer und jede Menge Elektronik navigierten das Auto von der Pfingstweidstrasse zum Autobahnanschluss und zurück. Die Testfahrt zum Zürcher Hauptbahnhof musste Swisscom aufgrund des grossen Medienansturms ausfallen lassen.

"Swisscom wird nicht zum Automobilhersteller", sagte Gebel, der das Business Development leitet. Swisscom forsche aber und wolle wissen, wie die Mobilität der Zukunft aussehen könnte. Autos sollen schon bald stark von Vernetzung und Interaktion mit der Umwelt abhängig sein, sagte der Telko in Zürich. Sprich: Selbstfahrende Autos werden Daten untereinander austauschen - und dafür braucht es ein Netz. Die Infrastruktur könnte Swisscom liefern, die laut eigenen Angaben gerade die grösste Cloud der Schweiz baut. In Zürich und Genf testet der Telko zudem gerade ein alternatives Netz für das Internet der Dinge, über das auch autonome Fahrzeuge kommunizieren können.

Ein Paradebeispiel für die Digitalisierung

Der gepimpte VW Passat, der vom 4. bis 14. Mai durch Zürich navigierte, durfte nur wenige Routen abfahren. Diese und die Testfahrten wurden vom UVEK bewilligt. Das Auto erfasste Fahrzeuge und Passanten über einen Radar, Laserscanner und diverse Videokameras. Eine Software analysierte und visualisierte die gesammelten Daten, erkannte die Fahrsituation und gab Steuerbefehle.

Noch ist die Technologie allerdings nicht massentauglich. Laut Swisscom soll es aber nur noch drei bis fünf Jahre dauern, bis ein ein autonomes Fahren auf Autobahnen möglich sei. "Und in zehn Jahren werden Autos wohl überall selbst fahren können", wagte Petit eine Prognose. Das Auto von Autonomos Labs bezeichnete er als Paradebeispiel für die Digitalisierung. Swisscom sei im Bereich Mobilität zudem schon lange aktiv. Der Telko wertet zum Beispiel anonymisiert Positionsdaten von Mobiltelefonen aus, die das Bundesamt für Strassen für Verkehrsprojekte nutzt.

Herausfordernde Zürcher Ampeln

Auf der Testfahrt im Kreis 5 agierte das Auto, das per Laser 160 Meter weit blicken kann, vornehm zurückhaltend. Es lenkte sich sicher durch die Strassen, hielt aber auch ohne sichtbaren Grund vor einem Fussgängerstreifen ohne Fussgänger. Das Fahrzeug bremse, weil ein Gebüsch die Sicht einschränke, erklärte der Testfahrer. In einer Kurve fühlte sich die Fahrt für kurze Zeit wenig flüssig an, ansonsten lenkte sich das Auto aber souverän durch den Zürcher Verkehr.

Keine Probleme hatte der Passat mit Rotlichtern. Laut Autonomos-Chef Tinosch Ganjineh musste die Software für das Schweizer Ampelsystem speziell angepasst werden. Zürcher Ampeln hätten eben eine andere Leuchtkraft als Berliner, erklärte Ganjineh. Im verbauten GPS-System habe Autonomos zudem die Genauigkeit von einigen Metern auf wenige Zentimeter steigern können.

Viele ungeklärte Fragen

Swisscom wolle zudem eine Diskussion anstossen, sagte Petit. Wer darf selbstfahrende Autos lenken? Braucht es neue Gesetze? Und wer haftet bei Unfällen? Fragen, die in der Schweiz noch nicht geklärt sind - und auf politischer und gesellschaftlicher Ebene noch diskutiert werden müssen.

Der VW Passat ist während der Testtage bei Swisscom an der Turbinenstrasse in Zürich stationiert. Swisscom-Shops verkaufen zudem ihr Autozubehör vom 12. Mai bis 31. Mai mit 20 Prozent Rabatt.

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