Versuchter Betrug während Corona-Lockdown

So hat Hans Jörg Elsasser seinen Grill zurückbekommen

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Das 3000-Seelen Dorf Unterkulm ist im März Schauplatz eines Betrugversuchs geworden. Doch Hans Jörg Elsasser, Inhaber und Geschäftsführer der Firma Elsasser-Peter, roch den Braten.

Hans Jörg Elsasser von der Elsasser-Peter AG und Tochter Alina (Source: Netzmedien)
Hans Jörg Elsasser von der Elsasser-Peter AG und Tochter Alina (Source: Netzmedien)

Bereits in der ersten Lockdown-Woche haben die Bestellungen über den Onlineshop grill24.ch von Elsasser-Peter zugelegt. Und in den folgenden Wochen zeigten die Verkaufszahlen weiter nach oben. Die Mitarbeitenden von Elsasser-Peter bereiteten im Akkord Bestellungen für den Versand vor. Viele Kunden bestellen per Kreditkarte, andere zahlen lieber per Rechnung. Bei letzteren – insbesondere bei Neukunden – prüft Hans Jörg Elsasser routinemässig deren Bonität, um Debitorenverluste zu verhindern.

Von Fehlermeldungen und Rabatten

Eines sonnigen Sonntags meldete sich ein Kunde per Kontaktformular bei Elsasser. Der Kunde schrieb, er interessiere sich für einen Grill, könne aber die Bestellung nicht abschliessen. Es gäbe eine Fehlermeldung. Später tätigte er die Bestellung per E-Mail. Elsasser bestätigte diese am Montagmorgen – die Lieferung zum Kunden nach Hause vereinbarte der Händler für Donnerstag. Der Kunde wollte vom Vorauszahlungsrabatt profitieren, weswegen die Zahlung bis zum Lieferdatum erfolgen sollte.

Am selben Morgen rief der Kunde bei Elsasser an und bot an, den Grill am Nachmittag selbst abzuholen. Elsasser prüfte die Bonität von Herrn X und fand einen Eintrag von 100 Franken in der einen Datenbank. In der anderen war der Kunde nicht verzeichnet. Im Nachhinein sagt Hans Jörg Elsasser selbstkritisch, er habe nicht sehr gründlich nachgeforscht und sich wohl etwas zu schnell zufrieden gegeben.

Der "Kunde" versuchte einen Grill dieses Typs bei Elsasser-Peter zu ergaunern. (Source: Elsasser-Peter)

Der Kunde kam und holte den neuen Grill ab. Während dem Treffen kamen Kunde und Händler ins Gespräch; das Thema war die aktuelle Coronasituation. Der Kunde berichtete von seiner Arbeit als Polizist bei einer Regionalpolizei in der Nähe. Elsasser fiel jedoch auf, dass das Autokennzeichen des Kunden von Graubünden war. Daraufhin angesprochen meinte der scheinbare Polizist nur, dass ihn sein Chef bei der Polizei deswegen auch schon ermahnt habe. Die Ware im Wert von rund 1500 Franken war verpackt, der Empfang bestätigt, der Kunde verabschiedete sich.

Die nächste Bestellung

Zwei Tage später meldete sich der Kunde wieder per E-Mail bei Elsasser. Der Onlineshop funktioniere wieder nicht, sogar Screenshots der versuchten Bestellung hängte er an. Er bestellte Grillzubehör für rund 600 Franken. Am nächsten Morgen rief er wieder an und vereinbarte die Abholung am selben Abend.

Nun läuteten bei Hans Jörg Elsasser die Alarmglocken. Wer bestellt erst im Nachhinein so viel Zubehör? Wie kann es sein, dass der Onlineshop nicht funktioniert, wenn zeitgleich Bestellungen darüber eingehen? Elsasser nahm sich die Zeit und suchte, den Kunden im Autoindex des Kantons Graubünden. Er fand den Namen heraus. Jedoch hiess der Kunde nicht wie angegeben Tom Lerch Müller, sondern Thomas Lerchmüller (Namen durch die Redaktion geändert). Solche "Verschreiber" sind laut Elsasser ein Klassiker im Versandhandel.

Mit dem richtigen Namen fand der Händler den Kunden auch in den Datenbanken zur Bonitätsprüfung. Der hatte Einträge, und davon nicht wenige. Fassungslosigkeit und Wut machten sich bei Hans Jörg Elsasser breit. Nun begann er nachzuforschen und konsultierte die Website der Regionalpolizei, wo "Tom Lerch Müller" angeblich arbeitete. Natürlich fand sich dessen Name dort nirgends. Elsasser fragte telefonisch nach. Nein, bei Ihnen arbeite dieser Herr nicht, man kenne ihn aber. Die echte Polizistin am Telefon meldete sich nach internen Abklärungen, allerdings fiel Unterkulm nicht in ihren Zuständigkeitsbereich. Zufälligerweise befindet sich aber gleich ein Standort der Kantonspolizei gegenüber von Elsasser-Peter.

Die Verhaftung

Noch am gleichen Nachmittag bat die Kantonspolizei Hans Jörg Elsasser zur Wache. Die Polizei beschloss, bei der Warenübergabe am Abend einzuschreiten. Zwei Polizisten überwachten derweil das Areal, als der Kunde mit seinem Bündner Kennzeichen vorfuhr. Elsasser spielte seine Rolle und verwickelte den Kunden in ein ausführliches Beratungsgespräch. Der Händler wollte beiläufig wissen, ob die Rechnung schon bezahlt sei. Dieser bestätigte, obwohl Elsasser kurz zuvor keinen Zahlungseingang hatte feststellen können. Nun schritten die Polizisten ein und baten den "Kunden" mit auf den Polizeiposten zu kommen. Ruhig und gelassen ging er mit.

Das Team von Elsasser-Peter räumte die bereitgestellten Artikel zurück. Später am Abend meldete sich die Polizei bei Elsasser und verkündete ihre Erkenntnisse nach der Einvernahme. Der "Kunde" gestand seine Zahlungsunfähigkeit und seine Absicht, die Rechnung nicht zu bezahlen. Er sei arbeitslos und habe Schulden im fünfstelligen Bereich. Der bereits gelieferte Grill werde zurückgebracht – leider bereits gebraucht.

Hans Jörg Elsasser ist verwirrt über die Tat. Gerne hätte er gewusst, ob er bewusst ausgewählt wurde, da er ein eher kleines Geschäft hat. "Schlussendlich tut mir der Täter leid." Aber Elsasser zieht auch seine Lehren aus dem Vorfall etwa:

  • sich nicht hetzen lassen. Sofortige Lieferung nur gegen Barzahlung. Tempodruck von Seiten der Kunden sollte stutzig machen, lieber geht ein Geschäft "flöten".

  • gesunden Menschenverstand einsetzen. Komische Namensschreibweisen lieber prüfen, ungewöhnliche Artikelzusammenstellungen kritisch hinterfragen. Freundlich fragen darf man immer.

  • Wer unlautere Absichten hat, kann sich heutzutage gut über eine Firma informieren; als Firma weiss man hingegen nur, was der Kunde angibt. Deswegen ist eine umfassende Beurteilung der Bonität wichtig.

  • Und nicht zuletzt: Aufs Bauchgefühl hören.

Ende März wurde EP:Plüss zum Opfer von Dieben. Sie entwendeten Waren im Wert von rund 800 Franken. Mehr dazu erfahren Sie hier.

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