Medikamente per Touchscreen

Wie Digital Signage die Arbeit in Apotheken erleichtert

Uhr

Virtuelle Medikamentenregale, Erklärvideos und Roboter, die die Produkte aus dem Lager holen – die Digitalisierung verändert Apotheken. Ein Zulieferer und eine Betriebsleiterin zeigen die Vorteile eines solchen Systems auf. Und erklären auch, warum derzeit nur das Apotheken­personal die Bildschirme bedienen darf.

(Source: zVg)
(Source: zVg)

Zu einer "klassischen" Apotheke gehört eine Vielzahl an Regalen, die mit Medikamenten gefüllt sind. Vor und hinter der Ladentheke nehmen sie Platz ein. Allerdings durchleben auch Apotheken einen digitalen Wandel. Und zumindest hinter dem Tresen tauchen zunehmend virtuelle Medikamentenregale auf.

Produktvielfalt und Multimedia auf dem Screen

Ein solches System steht etwa in der Berner Apotheke Hörning. "Wir haben im Geschäft für die rezeptfreien Medikamente anstelle klassischer Regale eine Sichtwahl in Form von Touchscreens", erklärt Cindy Aeschlimann, Fachapothekerin und Betriebsleiterin. Dabei handle es sich um grosse Bildschirme, auf denen der Berater den Kunden die Produkte zeigen könne. Auf dem Screen stünden verschiedene thematische Oberflächen zur Verfügung, etwa "Grippe & Erkältung", "Schmerzen" oder "Rheuma & Sport". Man habe sich 2015 in erster Linie wegen der Platzvorteile für die Bildschirme entschieden, sagt Aeschlimann. Geschätzt werde aber auch, dass an jedem Verkaufspunkt nun alle Medikamente zur Verfügung stünden. "Wenn wir dem Kunden vorher beispielsweise die Augenprodukte zeigen wollten, mussten wir mit ihm durch das ganze Geschäft bis zum hintersten Regal gehen, und für das Schmerzmittel wieder zum Vordersten."

Christoph Rölli, beim Zulieferer Adroplan für die Touchscreens zuständig, nennt als wichtigsten Vorteil des Systems die Flexibilität, mit der Medikamente etwa auch saisonal präsentiert werden können. Zudem habe man bis jetzt die Produkte nicht für jedes Bedürfnis zusammen im Regal ausstellen können. "Auf dem Screen kann man mit einem Wisch dem Kunden sämtliche Indikationen und speziellen Bedürfnisgruppen aufzeigen." So sei es etwa möglich, einer Kundin gezielt ein für Schwangerschaften geeignetes Erkältungsmedikament zu empfehlen. Ein weiterer Vorteil sei aber auch die Vielfalt der Informationen, die gezeigt werden könnten: "Mit einem Touch auf das gewünschte Produkt wird es dreidimensional dargestellt. Dem Produkt können Informationen zu Dosierung und Nebenwirkungen angefügt werden. Auch das Einbinden von Erklärvideos ist möglich", sagt Rölli. Für Apotheken mit mehreren Niederlassungen biete sich zudem die Möglichkeit, das virtuelle Produktsortiment zentral zu verwalten.

Im Lager werkelt der Roboter

Doch der Bildschirm ist nur ein Teil des Systems, mit dem Apotheken ihren Betrieb digitalisieren. Im Medikamentenlager stehen derweil sogenannte Rüstroboter – auch Kommissionier­-Automaten genannt. "Man kann sich diese wie ein automatisiertes Hochregallager in klein vorstellen", erklärt Rölli. Er ersetze die wohlbekannten Schubladen, in denen der Apotheker früher die Medikamente aufbewahrte. Und er sei klein genug, dass er in jeden Laden oder in jedes Lager passe. "Die Medikamente werden bei Bestellung zu zwei Ausgabeschächten im Laden transportiert", sagt Aeschlimann. Und die Bestellungen wiederum werden vom Kundenberater über die Touchscreens ausgelöst.

Auch der Roboter bringe ihrer Apotheke einen Platzvorteil, erläutert Aeschlimann: "Die engen Platzverhältnisse, die wir in unserem Geschäft haben, erlauben uns nicht, alle Medikamente im Erdgeschoss in einem klassischen Zugschrank aufzubewahren." Doch seit die Bildschirme eingeführt wurden, mit denen Medikamente vom Roboter direkt geordert werden können, habe sich auch der Kundenkontakt verändert: "Die Mitarbeiter können dank Roboter und Sichtwahl-Bildschirmen beim Kunden bleiben. Man kann sich auf das Gegenüber und das Gespräch konzentrieren, ohne ständig den Platz wechseln zu müssen."

Klassische Regale bleiben, Personal auch

"Insgesamt schätzen viele Apotheker das System aus Rüstroboter und Touchscreen", sagt Rölli. "Auch Apotheker erfahren den Druck, die Kosten im Gesundheitssystem zu senken. Natürlich ist ein Produkt, das alltägliche Arbeitsabläufe verbessert, sehr willkommen." In der Schweiz setzten rund 400 Apotheken die Roboter ein. "Der Roboter wird in den meisten Teams schnell ins Herz geschlossen und erhält oft sogar einen Spitznamen."

Auf die Reaktion ihrer Ladenkundschaft angesprochen, sagt Aeschlimann: "Die meisten Kunden, die die Bildschirme zum ersten Mal sehen, sind nach wie vor überrascht, vor allem, wenn sie sehen, dass wir über die Bildschirme Medikamente bestellen können. Die überwiegende Mehrheit der Kunden äussert sich positiv über diese moderne Einrichtung." Bedenken hätten einzig ein paar Stammkunden geäussert, die befürchteten, dass die Berater bald schon gänzlich durch Roboter ersetzt würden. "Diese konnten wir aber zum Glück beruhigen", ergänzt Aeschlimann.

Sowohl Aeschlimann als auch Rölli betonen, dass die Touchscreens derzeit ausschliesslich durch das Personal bedient werden. "Wir haben in unserem Geschäft nur beratungspflichtige Medikamente auf den Screens, bei denen die Selbstbedienung nicht erlaubt ist", erklärt Aeschlimann. Es gebe noch immer etwa 50 klassische Medikamentenregale und nur 12 Touchscreens. Und Rölli ergänzt, dass man derzeit Systeme teste, die vom Kunden direkt bedient würden.

Laut Adroplan kostet ein Touchscreen-System mit ein bis zwei Screens derzeit ungefähr 10 000 Euro. Ein Rüstroboter sei abhängig von der Konfiguration ab 80'000 Euro erhältlich.

Webcode
DPF8_170832

Kommentare

« Mehr