Pro und Contra

Was an Smart Citys smart ist

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von Vicente Carabias-Hütter und Stefan Kurath, ZHAW

Smart City gilt als ein Konzept, das fortschrittliche Lösungsansätze für die Herausforderungen von Städten bieten soll. Schlüsselfunktion haben dabei Informations- und Kommunikationstechnologien. Was sind die Vor- und Nachteile? Zwei Meinungsbeiträge von Experten der ZHAW.

Was ist smart an Smart Citys? Vicente Carabias-Hütter und Stefan Kurath haben verschiedene Ansichten. (v.l., Source: ZHAW)
Was ist smart an Smart Citys? Vicente Carabias-Hütter und Stefan Kurath haben verschiedene Ansichten. (v.l., Source: ZHAW)

Pro - von Vicente Carabias-Hütter

Innovationen für Smart Sustainable Citys

Städte bereiten sich vermehrt für die Herausforderungen der Zukunft vor. Aktuelle Trends und Entwicklungen, wie die Urbanisierung mit ihrem wachsenden Ressourcenverbrauch, die postulierte Energiewende und damit verbundene Veränderungen in der Mobilität und Forderungen nach mehr Klimaschutz, erfordern neue Lösungen. Dabei bietet die zunehmende Digitalisierung neue Möglichkeiten, wobei Bürgerinnen und Bürger zunehmend an Planungs- und Entwicklungsprozessen für ihren Lebensraum beteiligt werden wollen.

Die Bedürfnisse verschiedener Anspruchsgruppen in einer Stadt sind vielfältig. Um diese zu erfüllen, sollten Städte auf Basis von Szenarien neue Leitbilder, Strategien und Massnahmenpläne entwickeln. Innovationsführer wie Wien, Amsterdam oder Santander setzen diese systematisch und strategisch um und leiten damit – angetrieben vom Digitalisierungstrend – einen langfristigen Transformationsprozess hin zu einer Smart City ein.

Wissenschaft und Praxis verstehen unter Smart City ein Konzept, das Lösungsansätze für die zukünftigen Herausforderungen der Städte liefert. Ziel ist es, eine fortschrittliche, vernetzte Stadt zu schaffen, die sich durch eine hohe Lebensqualität für ihre Bewohnerinnen und Bewohner bei einem gleichzeitigen effizienten Einsatz der benötigten Ressourcen auszeichnet. Selbstverständlich sollen auch Ansätze der Kreislaufwirtschaft, Eco-Design und Suffizienzstrategien, wie z.B. Sharing, die Erreichung dieser Ziele unterstützen.

Eine Schlüsselfunktion kommt dabei den Informations- und Kommunikationstechnogien (IKT) zu: Viele Praxisprojekte nutzen bereits IKT, und aus wissenschaftlicher Sicht wird IKT als notwendiges Grundgerüst von Smart Cities zur Vernetzung von Handlungsfeldern, Technologien und Stakeholdern angesehen.

Im Vergleich zu den europäischen Smart-City-Vorreitern sind Städte in der Schweiz noch eher am Anfang ihrer Entwicklung hin zu einer Smart City. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass grosse Städte für Investoren attraktiver sind. Doch auch in der Schweiz erweitern Städte ihr Netzwerk und tauschen sich untereinander aus, wie zum Beispiel im Smart City Hub Schweiz zusammen mit den bundesnahen Unternehmen, um letzteren als Testumgebungen zu dienen vor einem flächendeckenden Rollout erfolgsversprechender Umsetzungen sozialer und technologischer Innovationen. Diese Vernetzung soll den Skalierungsunterschied zu den Megacities wettmachen. Nur für erfolgreiche Projekte sollte eine Skalierung ins Auge gefasst werden. Pilotprojekte erlauben es der Verwaltung und Unternehmen, neue Anwendungsfelder zu identifizieren und darauf aufbauend marktfähige Dienstleistungen zu entwickeln.

Städte, die sich einer nachhaltigen Stadtentwicklung verpflichtet fühlen, berücksichtigen bei ihrem Handeln technische, gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Aspekte gleichermassen. Diese Ausgangslage kann für die Städte eine gute Voraussetzung bilden, um den Transformationsprozess hin zu einer Smart Sustainable City zu beginnen und langfristig erfolgreich zu gestalten. Heutige Smart-City-Pilotprojekte fokussieren auf die Integration verschiedener Technologien und Bereiche, die Einführung von Informations- und Kommunikationstechnogien und Fragen der Integration und Beteiligung der Bevölkerung.

In der Innovations- und Transitionsforschung geht man davon aus, dass die Digitalisierung die heutigen etablierten Stadtsysteme radikal verändern wird. Daher geht es bei Smart Citys nicht nur um die Umsetzung von einzelnen Projekten oder den Aufbau einer Innovationscommunity, sondern um das Management eines Transformationsprozesses hin zu neuen Stadtsystemen. In diesen neuen Stadtsystemen werden Technologien, Infrastrukturen, Organisationstrukturen, Regulierung und das Verhalten der Menschen systemisch zusammenspielen. Wie sie sich gegenseitig beeinflussen, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Mit der eigens geschaffenen ZHAW-Plattform Smart Citys & Regions bündeln wir institutsübergreifend unsere Kompetenzen und Erfahrungen, um diese für die Identifizierung zukünftiger Geschäftsfelder und Innovationen, die Implementierung von Co-Creation-Plattformen, die Behandlung von zukunftsorientierten Smart-City-Entwicklungen zusammen mit den Anspruchsgruppen so einzusetzen, dass die Lebensqualität erhöht und Ressourcen geschont werden. Dank koordinierter Beteiligung aller städtischen Akteure, relevanter Unternehmen und der Bevölkerung kann die urbane Transformation nachhaltig vorangetrieben werden.

Zum Autor: Vicente Carabias-Hütter, Professor für nachhaltige Energiesysteme, Stv. Leiter des ZHAW-Instituts für Nachhaltige Entwicklung, Koordinator der ZHAW-Plattform Smart Cities & Regions. Seit 1. Aug. 2019 hat er zudem die Leitung der neu geschaffenen Fachstelle Smart City der Stadt Winterthur übernommen.

Contra - von Stefan Kurath

Auf smarte Menschen setzen

Smart Cities und Technologies steigern die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner und fördern die Nachhaltigkeit der Stadt. Der Kühlschrank weiss, was fehlt, und bestellt selbst Nachschub. Dank der Gesundheits-App auf der Smartwatch weiss das Spital anhand der übermittelten Pulsfrequenz, dass der Patient bald eingeliefert wird, noch bevor der Herzinfarkt akut wird. Tickets für einen Konzertbesuch werden gebucht, weil das Gesichtserkennungsprogramm an den Gesichtszügen feststellen kann, was man gerade braucht. Die Hinfahrt ins Konzert übernimmt das autonome Fahrzeug, das den Kühlschrank beliefert hat, die Rückfahrt das autonome Fahrzeug, mit dem zuvor der Herzinfarktpatient ins Spital eingeliefert wurde.

Durch Vernetzung wird alles smart. Und: Wer will schon nicht smart sein? Die Menschheit muss auf keine Annehmlichkeiten verzichten, das Verhalten nicht ändern, und gleichzeitig wird die Welt gerettet. Uns dies glauben zu machen, ist bisher nichts weiter als eine Meisterleistung des Marketings.

Noch bestehen riesige Gaps zwischen der Realität der Technologieentwicklungen und den Heilsversprechen. Ist das schlechte Gewissen erst einmal ausgeschaltet, führen Rebound-Effekte zu keiner Reduktion des Verbrauchs. Hinzu kommt der Energie- und Ressourcenverbrauch der Gerätschäften, die es zusätzlich braucht, um den Energie- und Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Abgesehen davon ist es einfach nur ärgerlich, dass sich Unternehmen eine goldene Nase mit fremden Daten verdienen.

Smart Cities versprechen Effizienz, Sicherheit, Reibungslosigkeit, gemanagt von privaten Dienstleistungsfirmen. Die Politik schiebt Verantwortung ab auf Privatfirmen und Technologien. Daten und Systeme können aber leicht manipuliert und missbraucht werden. Das politische und gesellschaftliche System kann dadurch ins Wanken geraten. Aber wen stört das schon in Anbetracht des Komforts, der einem geboten werden soll. Technik und Artificial Intelligence werden ja alle diese Probleme in Zukunft lösen. Gut für die Forschung. Gut für die Wirtschaft.

Doch was macht das reale Leben aus? Sich an unvorhersehbare Verhältnisse anpassen, Zukünfte imaginieren, Empathie entwickeln und verantwortungsbewusst handeln – das können die Smart Technologies nicht. In Anbetracht heutiger Herausforderungen wie steigender Meeresspiegel, Ressourcenknappheit, endlicher Energielieferanten, demografischer Entwicklungen, Hitzesommern, Starkregen, Migrationsbewegungen, Infrastrukturengpässen etc. dürfte es allen klar sein: Es braucht weitere Mittel und Wege als die "blosse" Moderation von Lebensverhältnissen. Auch wenn Konsistenz- und Suffizienzstrategien auf grosse gesellschaftliche Widerstände stossen, sind sie weit zielführender und dringender denn je. Nicht der Weg des geringsten Widerstands darf im Mittelpunkt stehen.

Die Digitalisierung hat durchaus auch ihre positiven Seiten. Der Hype durch die Werbeindustrie sollte aber nicht den Blick auf die Realität verstellen. Im Zweifelsfall setze ich auf Reflexionsbereitschaft, Imaginationsfähigkeit, Verantwortungs- und Handlungsbewusstsein smarter Menschen. Gerade auch in der Bildung. Darin liegt eine Stärke von uns Architektinnen und Architekten. Gut für die Forschung. Gut für die Praxis. Gut für die Gesellschaft.

Zum Autor: Stefan Kurath, Professor für Architektur und Entwurf und Co-Leiter des ZHAW-Instituts Urban Landscape.

Dieser Artikel erschien erstmals im Hochschulmagazin ZHAW-Impact Ausgabe 45 2019.

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DPF8_155619

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