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Verstümmelte Musik

Uhr | Aktualisiert

Dynamikkompression und Datenreduktion verändern die Musik. Der Lautstärkekrieg ist völliger Unsinn und raubt der Musik ein wichtiges Element zum Hörgenuss.

(Quelle: Emiliano Horcada / Flickr (CC BY 2.0))
(Quelle: Emiliano Horcada / Flickr (CC BY 2.0))

Neil Young will mit seinem Pono-Projekt der Musik die Seele zurückgeben. Hochauflösende Audio-Formate sind das Vehikel, mit dem er das erreichen will. Für ihn ist das CD-Format ein ungenügendes Transportmittel. Datenreduzierte Formate wie MP3, iTunes-Downloads und Streaming sowieso. Doch dass wir heute seelenlose, verstümmelte Musikproduktionen vorgesetzt bekommen, liegt nicht primär an den Dateiformaten und schon gar nicht am CD-Format. Das Übel bei neuen Produktionen, aber teilweise auch bei Remasters, liegt in der Dynamikkompression. Kommt dann noch Datenreduktion (MP3, iTunes, Spotify & Co.) dazu, liegt das Ei endgültig zertrümmert am Boden.

Was bedeutet und bewirkt Dynamikkompression?

Jede Musik besteht aus Grundelementen wie Tonart, Melodik, Harmonik, Rhythmus, Tempo und Dynamik. Unter Dynamik verstehen wir das Wechselspiel von laut und leise, das Anschwellen oder Reduzieren der Lautstärke innerhalb eines Musikstücks, das Hinzukommen oder Wegfallen von Instrumenten. Dynamik im Verbund mit Agogik, der Tempovariation, sind starke Gestaltungsmittel eines Komponisten, einer Interpreten-Gruppe.

Der Lautstärkekrieg (Loudness War) entwickelte sich schleichend. Das Problem war bereits im Vinyl-Zeitalter präsent, hat sich aber mit Einführung der CD ab 1983 kontinuierlich verschlimmert. Die technischen Limiten der analogen Schallplattentechnologie haben dem Phänomen Grenzen gesetzt, die mit der Digitaltechnik und der Verfügbarkeit von DSP-Prozessoren überwunden wurden. Es ist daher nicht erstaunlich, dass bei Neuveröffentlichungen nicht selten die Vinyl-Version besser klingt als der stark komprimierte Master auf der CD. Bei der Dynamik-Kompression werden leise und laute Passagen eines Musikstücks einander pegelmässig angeglichen und die Gesamtlautstärke angehoben. Aufgrund der menschlichen Hörfähigkeit werden laute Musikstücke intensiver, brillanter, druckvoller empfunden. Die Musikindustrie war und ist der irrigen Meinung, dass die "Lauter-verkauft-sich-besser-Regel" höhere Verkaufszahlen verspricht. Hört man dynamikkomprimierte Musikstücke und Alben als Ganzes, fallen aber die Mängel auf. Das Klangbild wirkt aggressiv, Verzerrungskomponenten nerven, man ermüdet rasch beim Hören. Welchen Verlust an Feinheiten und Klangdetails mit Dynamikkompression einhergehen ist in Hörvergleichen leicht nachvollziehbar. Der Lautstärkekrieg ist völliger Unsinn und raubt der Musik ein wichtiges Element zum Hörgenuss.

Das Problem verschlimmert sich, wenn die Dynamikkompression mit Datenreduktion gekoppelt wird, wie zu Beginn des iPod-Zeitalters, als dies wegen geringen Internet-Bandbreiten und knappem Speicherplatz notwendig war. MP3 oder AAC 256kbs reduzieren die bereits dezimierte Detailinformation noch weiter. Zu geringer Headroom, respektive Vollaussteuerung des Signals führen bei der MP3-Codierung zu weiteren Verzerrungen. Datenreduktion hat heute aber keine Berechtigung mehr.

DR-Werte und Dynamic-Range-Datenbank

Langsam setzt sich mehr "Dynamik in der Musik ist besser" auch in der Musikindustrie durch. Doch den Loudness War als beendet zu erklären wäre falsch. Ein Teilgrund für den Lautstärkekrieg war die Forderung der Radiostudios, dass die gespielten Songs eine möglichst gleiche Lautstärke aufweisen, damit der Hörer nicht dauernd am Lautstärkeregler seines Radios drehen muss. Streamingdienste stellen die gleiche Forderung. Dank computerbasierter Wiedergabe lässt sich diese Forderung heute dynamisch zum Wiedergabezeitpunkt erfüllen, auf Dynamikkompression kann verzichtet werden. Als Endkonsument kann man sich vor dem Kauf eines Albums informieren, wie stark beim Mastering komprimiert wurde. In der Onlinedatenbank "Dynamic Range Database" lassen sich die Werte für viele Alben abrufen. Wie ein DR-Wert eingestuft werden muss, ist auch vom Musikgenre abhängig. Mag der Wert "DR6" für Elektronische Musik durchaus gut sein, müsste der gleiche Wert für eine Klassik-Aufnahme als schlecht gelten.

Die DR-Messung erfolgt nach dem "EBU R128"-Standard und ist nicht mit dem dynamischen Gesamtumfang einer Audiodatei zu verwechseln (Makrodynamik). Gemessen wird nicht der Unterschied zwischen der absolut leisesten und lautesten Stelle eines Songs. Es werden nur die lautesten 20 Prozent gemessen, um die kritische Verdichtung (Überkompression) zuverlässig darzustellen, die vor allem in lauten Passagen deutlich wird. Wäre dem nicht so, würde ein Titel mit leisem Intro und stark überkomprimierten Ende einen unangemessen hohen DR-Wert ergeben. Die DR-Skala dient der vereinfachten und standardisierten Darstellung des Kompressionsgrads einer Veröffentlichung. Der Dynamikumfang eines Albums dürfte für den Kaufentscheid eine untergeordnete Rolle spielen, zentral bleibt der musikalische Inhalt. Man sollte aber auf keinen Fall Alben mit ungenügendem Dynamikumfang zur Beurteilung von High-End-Audio-Komponenten verwenden.

Persönlich

Fritz Fabig ist passionierter Musikliebhaber mit Schwerpunkt in der Klassikepoche. Er absolvierte eine elektrotechnische Ausbildung in der Maschinenindustrie. Doch schon früh folgte ein Wechsel in die CE-Branche. Dort konnte er seine Passion für Musik mit dem Interesse an Technik verbinden. Zunächst war er zehn Jahre im Einzelhandel tätig, wechselte dann als Product Manager für High End Audio in die Audio-Distribution. Es folgten Weiterbildungen in Management und Marketing mit höherem Abschluss. Seit 2002 ist Fabig bei B&W Group Schweiz, einer Tochterfirma des englischen Lautsprecherherstellers Bowers & Wilkins, und amtet seit 2004 als Geschäftsführer.

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