Rummel reicht nicht

Cebit: Was Aussteller über das Ende der IT-Messe denken

Uhr | Aktualisiert

Nach 33 Jahren wird die Cebit 2019 erstmals nicht mehr stattfinden. Was denken Aussteller aus der Schweiz und dem Ausland über das Ende der einst grössten IT-Messe der Welt? Was bedeutet es für die Branche? Und wie geht es jetzt weiter? Die Redaktion fragte nach.

Die Schweizer IT war auf der Cebit 2018 mit dem Swiss Pavilion vertreten. (Source: Netzmedien)
Die Schweizer IT war auf der Cebit 2018 mit dem Swiss Pavilion vertreten. (Source: Netzmedien)

Nach mehr als 30 Jahren wird die Cebit eingestellt. Die Deutsche Messe teilte Mitte vergangener Woche mit, dass die für Juni 2019 bereits angekündigte IT-Messe nicht stattfinden werde. Erst 6000 Quadratmeter Ausstellungsfläche seien bislang gebucht gewesen, berichtete die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Zum Vergleich: 6 Monate vor der vorjährigen Ausgabe der Cebit sei die gebuchte Fläche noch dreimal so gross gewesen. Damit findet nicht nur das wohl bedeutendste Tech-Treffen Europas, sondern die zeitweise grösste Messe überhaupt ein Ende. 2001 tummelten sich noch insgesamt 840'000 Besucher auf dem Gelände bei Hannover, wie "Golem.de" in einem Rückblick schreibt.

Das Ende kam schneller als erwartet

Schweizer und internationale IT-Firmen, die an der Cebit 2018 einen Stand hatten, zeigen sich überrascht von der plötzlichen Absage. Einige lassen aber auch durchblicken, dass sie mit der Messe nicht zufrieden waren. Viele Aussteller seien vom Neustart der Cebit enttäuscht gewesen, sagt etwa der Ostschweizer Anbieter von Document-Management-Systemen Kendox auf Anfrage.

"Auch wir haben nach der Teilnahme im Juni 2018 für uns eine ernüchternde Bilanz gezogen - keine Themenhallen mehr, kaum unangemeldete Besucher, man fühlte sich so ein bisschen im Nebengleis abgestellt", schreibt Kendox. Das Unternehmen habe deshalb bereits vor der Absage aus Hannover beschlossen, 2019 nicht mehr an die Cebit zu gehen.

Abraxas sei zwar mit seiner Tochter Abraxas Epsilon an der Cebit 2018 vertreten gewesen, schreibt CEO Reto Gutmann, die Cebit habe für das Unternehmen aber keine besondere Bedeutung. Abraxas pflege den Kontakt zu seinen Kunden in der Schweiz und Liechtenstein direkt oder an regionalen Fachveranstaltungen.

Wie Schweizer Aussteller die letzte Cebit erlebten, erfahren Sie hier.

Die Cebit ist Geschichte, die IT sucht sich andere Bühnen

Hewlett Packard Enterprise (HPE) bedauert die Absage der Cebit. Die Digitalisierung brauche gerade jetzt starke Impulse, da hätte die Veranstaltung einen längeren Atem verdient, schreibt das US-Unternehmen der Redaktion. Das Ende der Messen insgesamt sieht HPE aber nicht gekommen, sie seien immer noch ein wichtiger Bestandteil in seinem Marketing-Mix. "Persönliche Begegnungen und Gespräche sind in der digitalen Transformation unverzichtbar, da das nicht nur ein technischer, sondern auch ein organisatorischer und kultureller Wandel ist."

Kendox sieht die klassischen IT-Messen eher als "Auslaufmodell", zumindest im B2B-Bereich. Der "messbare" Erfolg habe in den vergangenen Jahren immer mehr abgenommen, der Aufwand stehe in keinem Verhältnis zum Erfolg. Kunden hätten heute ausreichend Gelegenheit, sich zu informieren und mit Anbietern zu kommunizieren. Das fange mit der Online-Recherche an und gehe bis zu individuellen Lösungspräsentationen, bei denen sich Käufer und Verkäufer austauschen könnten.

SAP, eines derjenigen Unternehmen, die das neue Konzept der Cebit als digitales Festival am stärksten unterstützten, drückt ebenfalls sein Bedauern aus. "Allerdings können wir nachvollziehen, dass sich die Messe letztendlich wirtschaftlich tragen muss", so der deutsche Software-Anbieter. Den Entscheid der Deutschen Messe, nun den IT-Anteil an der Hannover Messe auszubauen, begrüsst SAP. Die Cebit war 1986 aus der auf die Industrie ausgerichtete Hannover Messe hervorgegangen. SAP wolle dort im kommenden Jahr mit Partnern Lösungen für die Digitalisierung präsentieren.

Rummel, Riesenrad und Roboter – so versuchte die Cebit 2018 den Neustart.

Anwendungen und Branchen ins Zentrum stellen

Der Dachverband ICT-Switzerland hatte an der Cebit 2018 den "Swiss Pavilion" mitorganisiert. Unter seinem Dach fanden mehrere Schweizer IT-Firmen und -Organisationen Platz. Geschäftsführer Andreas Kälin geht nach dem Cebit-Ende davon aus, dass sich die Tech-Branche in Zukunft stärker in anwendungsorientierten Settings zeigen muss. Das heisse: Veranstaltungen zu einzelnen Themen und Branchen.

ICT-Switzerland konzentriere sich nun auf den Schweizer Auftritt an der Hannover Messe im April 2019. Der Swiss Pavilion dort soll unter dem Motto "Switzerland - Excellence in Digital Transformation" stehen und Softwarefragen entlang der industriellen Wertschöpfungskette thematisieren. Auch eine Tagesreise für Besucher aus der Schweiz (Online-Buchung) am 3. April stehe auf dem Programm.

Wie weiter ohne Cebit?

Schweizer Firmen, die auf den internationalen Markt zielten, müssten sich dort auf Marktplätzen und Fachmessen präsentieren, schreibt Kälin weiter. Wichtig sei zudem der Auftritt mit eigenständigen Organisationseinheiten auf den bedeutenden ausländischen Märkten.

Kendox wolle künftig gemeinsam mit Partnern auf Branchenmessen vertreten sein, schreibt das Unternehmen. Zudem werde man 2019 verstärkt auf "Online-Konferenzen" setzen, bei denen die Teilnehmer "bequem vom Schreibtisch aus" teilnehmen könnten. Eigene Events sollen ausserdem helfen, um Bestandskunden zu erreichen. Auftritte an klassischen IT-Messen seien dagegen nicht mehr geplant.

Das Ende der Cebit sei für die Schweizer IT-Branche auch ein Zeichen, dass vergangener Erfolg keine Garantie für Erfolg in der Zukunft sei, sagt der ehemalige Schweizer Botschafter in Deutschland, Tim Guldimann. Um international Kunden zu gewinnen, müssten sich auch IT-Firmen auf das konzentrieren, bei dem sie besonders gut seien. Alles andere sollten sie sein lassen, schreibt Guldimann.

Im Interview mit Cebit-Pressesprecher Hartwig von Sass erfahren Sie, was die Veranstalter zur Absage bewogen hat und wie es mit der Cebit weitergehen soll.

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