Swiss Payment Forum 2018

Übermorgen bleibt das Smartphone beim Einkauf in der Tasche

Uhr | Aktualisiert

Wie zahlen wir heute, morgen und übermorgen? Das Swiss Payment Forum widmete sich dem Druck der Digitalisierung auf die Bankenwelt, den Veränderungen im Zahlungsverkehr und den Konsequenzen für die Gesellschaft. Es gab angeregte Debatten, Tipps für Unternehmen und Gelegenheiten zum Networken.

Dave Kauer, Lead Innovator und Mitglied des Managements der Postfinance stellte die digitale Strategie der Bank vor. (Source: Netzmedien)
Dave Kauer, Lead Innovator und Mitglied des Managements der Postfinance stellte die digitale Strategie der Bank vor. (Source: Netzmedien)

Banken haben es heute nicht einfach. Jahrzehntelang waren sie fast alleinige Hüter über Portemonnaies, Investitionen und Transaktionen. Doch mit der Digitalisierung ist die Finanzwelt kräftig unter Druck geraten. Die Erwartungen der Kunden ändern sich, neue Player machen den etablierten Finanzdienstleistern Konkurrenz und digitale Technologien transformieren Zahlungen und Einkauf. Was die Trends der Branche sind und wie Unternehmen darauf reagieren können, darum drehte sich die siebte Ausgabe des Swiss Payment Forums im Zürcher Hotel Marriott.

So zahlt die Schweiz

Im ersten Referat erfuhren die Besucher von Sandro Graf, Leiter des Swiss Payment Research Centers an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, welche Zahlungsmittel die Schweizer im Jahr 2018 nutzen. Graf stellte einige Ergebnisse des Swiss Payment Monitor 2018 vor. "Cash ist nicht mehr King", sei eines davon. "Die Debitkarte ist das beliebteste Zahlungsmittel in der Schweiz", lautete ein anderes.

Sandro Graf präsentierte Ergebnisse des Swiss Payment Monitors 2018 und moderierte die Veranstaltung. (Source: Netzmedien)

Gegenüber dem kontaktlosen Zahlen und dem Mobile Payment bestehen hingegen noch einige Vorbehalte, wie Graf sagte. Insbesondere das Zahlen per Smartphone sei im Laden immer noch mit zu viel Zeitaufwand und umständlichen Systemen verbunden. Eine Folge davon: Erst 1,5 Prozent aller Transaktionen finden laut Umfrage mittels Mobile Payment statt. Allgemeine Aussagen zu treffen sei jedoch schwierig. Die meisten Menschen entschieden sich je nach Situation für ein Zahlungsmittel, seien also sogenannte "Mischzahler".

Zahlungsmittel im Schweizer Präsenzgeschäft nach Umsatz und Transaktionszahl (Source: Swiss Payment Monitor 2018)

Trotzdem beschied Graf dem Mobile Payment Zukunftspotenzial, vor allem im Distanzgeschäft. Relativ viele Teilnehmer des Payment Monitors könnten sich vorstellen, in Zukunft öfters das Smartphone zu zücken, um zu zahlen. Das gelte auch für diejenigen, die bislang kein Interesse an diesem Zahlungsweg gehabt hätten.

Wenn das Smartphone selbst kauft

Für David "Dave" Kauer, Lead Innovator und Mitglied des Managements der Postfinance, war das Schlagwort "Mobile First" nur ein Schritt auf dem Weg zur "digitalsten Bank der Schweiz". Dieses Ziel wolle Postfinance bis 2020 erreichen und Kauer zeigte, wie das vonstatten gehen soll. Keine einfache Aufgabe, denn auf den digitalen Wandel der Branche angesprochen, sei heute von vielen Finanzinstituten zu hören: "Ich bin eine Bank, holt mich hier raus!"

Ein grundlegendes Problem vieler Banken sei, dass sie nicht klar zwischen Digitalisierung und digitaler Transformation unterschieden. Digitalisierung, das heisse, die Hausaufgaben zu machen. Das sei ungefähr so innovativ, wie sich morgens die Schuhe zu binden, sagte Kauer. Digitale Transformation dagegen verlange dem Unternehmen viel mehr ab. Da gehe es um den Wandel von Kulturen und Mentalitäten. Es gehe darum, sich in einer Welt, in der die Rezepte der Vergangenheit nicht mehr gültig seien, einen neuen Platz zu suchen.

Für diese Transformation seien eventuell auch radikale Schritte nötig. "Nur wenn sie bereit sind, ihre eigenen Geschäftsmodelle zu kannibalisieren, werden sie mit digitalen Plattformen erfolgreich sein", sagte Kauer. Postfinance verfolge vor diesem Hintergrund drei Strategien. Erstens sollen die bestehenden Prozesse digitalisiert werden. Zweitens werde der Ausbau des Angebots durch kleine Pilotprojekte vorangetrieben. Und drittens entwickle die Bank neue Geschäftsfelder, die über das bestehende Geschäft hinausgingen.

Bei der Umsetzung dieser Strategie seien noch diverse Hürden zu überwinden, so Kauer. Nicht nur für Postfinance, sondern für die ganze Finanzbranche. Eine universell einsetzbare digitale Identität stelle etwa eine Voraussetzung dar, um Zahlungen wirklich einfacher zu machen. Die IT müsse für das digitale Banking fit gemacht werden. Das heisse: mehr Virtualisierung, mehr Cloud, mehr Automatisierung und offene Schnittstellen. Nicht zuletzt brauche es die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Firmen, die als Konkurrenten wahrgenommen würden.

Ein besonderes Potenzial versprach sich Kauer von der künstlichen Intelligenz und der Automatisierung. Diese helfe beim Aufbau neuer Geschäftsfelder und ermögliche es – im Rahmen des Datenschutzes –, eine umfassende Sicht auf den Kunden zu haben. Kauer zeigte verschiedene Angebote, die Postfinance im Lauf des kommenden Jahres lancieren wolle. Eines davon ist die App "E-Wallet". Diese soll weltweite Zahlungen mit verschiedenen Zahlungsmitteln per Touch-ID ermöglichen und so eine "neue Shoppingwelt" schaffen.

Auf das Zahlen per Smartphone (Mobile First) soll dann bis 2025 ein Einkaufen folgen, bei dem die App direkt im Laden interessante Produkte vorschlägt und vom Verhalten des Kunden lernt (AI First). Die Zahlung selbst werde dann beim Verlassen des Geschäfts im Hintergrund automatisch abgewickelt, das Smartphone könne wie bei der ÖV-App Fairtiq in der Tasche bleiben. Der Service werde den Kunden womöglich besser kennen, als dieser sich selbst kennt, sagte Kauer.

Dave Kauer räumte ein, dass nicht alle Konsumenten bereit seien, diese digitalen Zahlungsweisen anzuwenden. Postfinance akzeptiere das und wolle alte Methoden weiterhin unterstützen, allerdings würden hierfür Gebühren fällig. "Wir zwingen niemanden", sagte er. "Ich kann aber auch nicht versprechen, dass es in 20 Jahren noch kostenbefreit läuft."

Wenn Tradition zum Bremsklotz wird

Um die Fähigkeiten der Finanzdienstleister zur Innovation ging es auch in den Referaten von Lars Sandtorv und Jochen Werne. Sandtorv, Chef des norwegischen Entwicklers von Payment-Lösungen Meawallet, warnte davor, Neo-Banken und Fintech-Start-ups zu unterschätzen. Die etablierten Geldinstitute hätten zwar einige Vorteile im Markt wie Vertrauen oder eine breite Kundenbasis, ebenso gross seien jedoch ihre Schwierigkeiten. Ein riesiges Problem seien etwa komplexe, über Jahre gewachsene Legacy-Kernsysteme. Im schlimmsten Fall habe ein Unternehmen gar mehrere davon.

Sandtorv gab den Banken drei Ratschläge mit auf den digitalen Weg. Erstens: "Entwickelt schnell neue Lösungen!" Zweitens: "Arbeitet dazu mit den Fintech-Start-ups zusammen!" Drittens: "Denkt bei den Lösungen nicht nur ans Back-End, sondern auch an das Front-End, mit dem der User konfrontiert ist!"

Lars Sandtorv: "Banken brauchen Fintech und Fintech braucht Banken." (Source: Netzmedien)

Für mehr Realismus, sowohl in Bezug auf die Zukunft wie auf die Natur des Menschen, plädierte Jochen Werne, Direktor beim Münchner Bankhaus August Lenz. Es gebe eine frappante Diskrepanz zwischen den Bekundungen zur Innovation aus den Banken und den tatsächlichen Problemen, mit denen deren Management im Alltag konfrontiert sei. Ein Grund hierfür sei, dass die technologische Entwicklung rasant fortschreite, exponentielles Denken aber nicht die Stärke des Menschen sei. Das Resultat sei, dass der soziale, unternehmerische und politische Wandel der Technik immer hinterherhinke.

Technologie und Mensch entwickeln sich laut Jochen Werne nicht gleich schnell. (Source: Jochen Werne)

Was bei Innovationsprojekten ausserdem oft vergessen gehe, seien die kulturellen Unterschiede zwischen den Menschen. Kunden ebenso wie Mitarbeiter müssten mit ihren Bedürfnissen und ihrem kulturellen Background ernst genommen werden. Werne rief das Publikum dazu auf, mit Zuversicht und Augenmass vorwärtszugehen. Trotz vieler Prognosen wisse letztlich niemand, was die Zukunft bringe. Der Sehnsucht nach Stabilität, die heute herrsche, erteilte Werne allerdings eine Absage. Ständige Veränderung werde auf absehbare Zeit unsere Begleiterin bleiben, diese Prognose wagte er dann doch.

"Keine Angst vor der Zukunft", forderte Banker Jochen Werne. (Source: Netzmedien)

Überlegene Technik, das Ende der Arbeit und die Zahlungsmittel der Zukunft

Bevor der erste Tag des Swiss Payment Forums mit einem Apéro ausklang, fuhr Christian Rieck, Professor für Finance an der Frankfurt University of Applied Sciences, noch schweres Geschütz auf. Der Wirtschaftswissenschaftler und Buchautor erklärte dem Publikum zunächst, warum so viele Zukunftsprognosen und Science-Fiction-Szenarien am Ende völlig daneben liegen. Ihr Mangel bestehe darin, dass sie meistens nur einen Aspekt des Wandels berücksichtigten, das ganze Drumherum von Gesellschaft und Politik jedoch ausblendeten.

Dieses Festhalten am Bestehenden, in der Fachsprache Präsentismus genannt, präge auch unsere Wahrnehmung des technischen Fortschritts. Tatsächlich sei der Wandel viel radikaler, als wir es uns heute eingestehen, sagte Rieck. Roboter, das Internet der Dinge oder künstliche Intelligenz würden menschliche Arbeit schon bald fast wertlos und damit überflüssig machen. An Beteuerungen, mit der Digitalisierung würden auch neue Jobs entstehen, glaube er nicht. "Bis 2030 können Computer alles besser als Menschen", gab er sich überzeugt, was vor allem die "höheren" Berufe zu spüren bekämen. "Wir werden einfach überholt, wie alle alten Technologien."

Christian Rieck: "Ich weiss nicht, wie oft ich in meinem Leben schon den Satz gehört habe: 'Das werden Computer nie können.'" (Source: Netzmedien)

Angesichts dieser Veränderungen entstünden neue Formen des Geldes, die von Banken herausgegebene Zahlungsmittel herausforderten. "Technologie zerstört das Geld, wie wir es kennen", sagte Rieck. Bitcoin und Versuche von auf Gold basierenden Währungen seien Zeichen dieser Entwicklung. Rieck sieht zudem die Möglichkeit, das Geld an die zur Verfügung stehenden Produktionsmittel und die wirtschaftliche Lage zu koppeln, also quasi ein neues Zahlungsmittel auf Grundlage der Technologie zu schaffen. "Jeder muss Eigentümer der Roboter sein", könne die Lösung lauten.

Zum Trend hin zur bargeldlosen Wirtschaft äusserte sich Christian Rieck kritisch. Auf den ersten Blick klängen die Transparenz und Nachvollziehbarkeit aller Transaktionen verlockend, sagte er. Aber dies sei nur so lange von Vorteil, wie das politische System ein freiheitliches sei. Sollten aber irgendwann wieder autoritäre oder faschistische Regime an die Macht gelangen, könne aus der technologischen Überwachung von Wirtschaft und Gesellschaft sehr schnell ein Albtraum werden. Ein Statement, das einige Besucher im Saal zu spontanem Applaus animierte.

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