Swiss Telecommunication Summit

Guy Parmelin fordert mehr Anstrengungen zur Cybersicherheit

Uhr | Aktualisiert

Am Swiss Telecommunication Summit vom Asut haben sich prominente Redner die Klinke in die Hand gegeben. Verteidigungsminister Guy Parmelin nahm die Telkos beim Thema Cybersicherheit in die Pflicht.

Bundesrat und VBS-Vorsteher Guy Parmelin (Quelle: Netzwoche)
Bundesrat und VBS-Vorsteher Guy Parmelin (Quelle: Netzwoche)

Das 43. Asut-Seminar hat unter dem Motto: "Homo Digitalis – der Mensch in der digitalen Wirtschaft" gestanden. Der Homo Digitalis stamme direkt vom Homo Industrialis ab, sagte Asut-Präsident Peter Grütter in seiner Eröffnungsrede. Zur Zeit des Homo Industrialis sei Arbeit noch geschätzt worden, sogar die von Kindern. "Denen haben wir die Arbeit weggenommen", sagte er ironisch. Er verwies damit auf die Verbesserungen, auch im Arbeitsleben, welche der technische Fortschritt mit sich gebracht habe. Er zeigte sich daher optimistisch, dass auch mit der Digitalisierung vor allem Verbesserungen kommen werden.

Abstand zu den Maschinen aufrecht erhalten

Auch wenn in den nächsten Jahren viele Arbeitsplätze verschwinden werden, manche Forscher sprechen von fast der Hälfte, so werden doch an anderer Stelle neue Jobs entstehen. Mit der Maschine und dem Computer könne der Mensch aber nicht mehr konkurrieren. Dafür müssten sich die Menschen auf ihre Stärken wie Sozialkompetenzen, Kreativität, Teamarbeit oder interkulturelle Fähigkeiten konzentrieren. In diesen Bereichen werden Menschen noch lange die Nase vorne haben, zeigte sich Grütter überzeugt.

Asut-Präsident Peter Grütter (Quelle: Netzmedien)

Gleichzeitig müssten die Menschen die Möglichkeiten der neuen Technologien nutzen. Grütter schwärmte von der Vorstellung eines Chips im Kopf, der die neurologischen Fähigkeiten verbessert. Nur durch eine Symbiose könne der Mensch seinen Abstand zur Maschine aufrecht erhalten, zeigte er sich überzeugt.

Die Schweiz muss heute verteidigt werden

Stargast des Events war Bundesrat und VBS-Vorsteher Guy Parmelin. Er betonte in seinem Vortrag, dass die neuen Technologien nicht zur Achillesferse der Gesellschaft werden dürfen. Die Schweiz müsse vielmehr vorausschauen und in die Zukunft investieren, hob er hervor. Daher reiche es auch nicht aus, einfach nur auf Cyberangriffe zu reagieren. Die Schweiz müsse sich proaktiv auf Cybergefahren einstellen und vorbereiten. Bei neuen Technologien müssten auch die Gefahren abgeschätzt werden, sagte er mit Nachdruck.

Wollen wir wirklich erst zuwarten und dann zuschauen, wenn der Schaden da ist? (Guy Parmelin)

"Die Entwicklung im Cyberraum muss alarmieren", sagte Parmelin. Die Schweiz ist bisher von grösseren Angriffen verschont geblieben. Ob die Schweiz bisher nicht im Visier der Angreifer war, einfach Glück hatte, oder die Systeme hierzulande sicherer sind, darauf wollte sich Parmelin aber nicht festlegen. Im Prinzip sind Angriffe in der Schweiz jederzeit möglich, wie der Bundesrat betonte. "Wollen wir wirklich erst zuwarten und dann zuschauen, wenn der Schaden da ist?", fragte Parmelin rhetorisch. Dieses Vorgehen ist seiner Meinung nach keine Lösung. Daher arbeite das Verteidigungsministerium an der nationalen Cyberstrategie, denn die kritischen Infrastrukturen müssten geschützt werden. Mit den Worten: "Bei der Cybersicherheit dürfen wir nicht mehr zuwarten", brachte er es auf den Punkt. Die Schweiz müsse heute verteidigt werden und nicht erst morgen.

Cybersicherheit kostet

Laut Parmelin muss die Schweiz bei der Cybersicherheit noch viel tun, um sich gegen die abzeichnenden Gefahren zu schützen. Dies zeige sich auch daran, dass die Nachbarländer stark in diesem Bereich investieren. Dies sowohl in Verteidigungs- wie auch Angriffskompetenzen bei Cyberthemen. "Die Schweiz ist keine Insel", sagte Parmelin. Daher tausche sich das VBS auch mit den Nachbarstaaten eng aus. So ist die Schweiz etwa am Cyber-Kompetenzzentrum in Tallinn (Estland) beteiligt.

Bis 2020 soll ein Cyberplan stehen. Kernelement wird der Schutz von kritischen Infrastrukturen sein, sagte Parmelin. Die wichtigen Funktionen des Staates müssen aufrecht erhalten werden können. Das VBS soll auch eine Art Dienstleister werden, um im Krisenfall aushelfen zu können. Der Campus Cyberdefence steht bei all diesen Überlegungen im Fokus. "Der Aktionsplan hat auch seinen Preis", sagte Parmelin weiter. Er schätzt diesen auf 2 Prozent der Ressourcen des VBS.

Auch Anbieter stehen in der Pflicht

Auf sich allein gestellt könne die Armee die Aufgaben aber nicht bewältigen. Er nahm daher auch die anwesenden Telko-Vertreter in die Pflicht. Es müssten auch Informationen an das Militär fliessen und Geheimnisse dürften nicht zurückgehalten werden. Dies seine eine Gefahr für die Sicherheit der Schweiz.

"Ein bisschen Informationssicherheit reicht nicht aus", betonte Parmelin. Denn die Zeiten der netten jungen Hacker seien definitiv vorbei. Heute gefährden gut organisierte und ausgestattete Kriminelle, wie auch Staaten, die Schweiz. "Diese suchen nicht nach den Plänen unserer Festungen in den Bergen", wie Parmelin sagte. Vielmehr streben sie nach der Kontrolle von kritischen Infrastrukturen. Es gehe daher um den Schutz der Gesellschaft.

Auch wenn die Eigenverantwortung der Telkommunikations-Anbieter in Fragen Cybersicherheit wichtig sei, so ist es für Parmelin doch kein Freibrief. Jeder Anbieter ist Teil eines Netzes und müsse seinen Beitrag leisten. "Wer bei Cybersicherheit sparen will, der tut es auf Kosten der Allgemeinheit und gefährdet die Sicherheit der Schweiz", appellierte Parmelin an die Gäste.

Unternehmen und Kunden werden Datenpartner

An einer Podiumsdiskussion trafen unter anderem Christoph Brand, Head of Classifieds & Marketplaces Tamedia, André Golliez, Präsident Opendata.ch und Adrian Lobsiger, Eidg. Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter aufeinander.

(v.l.) )André Golliez, Präsident Opendata.ch, Marianne Janik, General Manager Microsoft Schweiz, Adrian Lobsiger, Eidg. Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter, Moderator Reto Brennwald, Marc Sier, COO Admeira und Christoph Brand, Head of Classifieds & Marketplaces Tamedia (Quelle: Netzmedien)

Golliez forderte einen Paradigmenwechsel bei der Frage nach der Eigentümerschaft von Daten. Der aktuelle Datenschutz gehe davon aus, dass die Daten den Firmen gehören. Für Golliez sollten Unternehmen die Kunden aber als Partner wahrnehmen und die Daten mit den Kunden teilen. Golliez wünsche sich daher eine Art "My-Data-Knopf" auf jeder Website oder jedem Portal. Dort solle der Kunde seine Daten in einem maschinenlesbaren Format herunterladen können.

Brand konnte diesen Punkt nachvollziehen, bezeichnete es aber als zu komplex. Denn Tamedia könne etwa nicht einmal bei der eigenen Plattform solche eine Portabilität sicherstellen. "Komplexität darf nicht ein Totschlagargument sein", antwortet Golliez auf Brand. Seiner Einschätzung nach versuchen sich die Anbieter damit aus der Verantwortung zu ziehen, und liess das Argument nicht gelten. Gleichzeitig betonte er, dass die EU mit der neuen Datenschutzgrundverordnung ein Recht auf eine Portabilität vorschreibt und er würde sich dies auch in der Schweiz wünschen.

Digitalisierung keine Naturgewalt

Einen philosophischen Blick auf die Digitalisierung wagte Ludwig Hasler. Er ist Publizist, Philosoph und Physiker. Hasler fragte, ob die Menschheit in der digitalen Zukunft überhaupt noch eine Zukunft habe. Denn viele Referenten redeten so über die Digitalisierung, als ob sie eine Naturgewalt sei, die über die Menschheit komme und nicht aufzuhalten sei.

Ludwig Hasler, Publizist, Philosoph und Physiker. (Quelle: Netzmedien)

Wenn sich der Mensch mit der Maschine vergleiche, ziehe der bei den meisten Aspekten den Kürzeren. Die Maschinen machten weniger Fehler, rechneten schneller und würden Probleme inzwischen auch besser erkennen. Hasler entwickelte zwei Zukunftsvisionen.

In der ersten Vision werden die Menschen von den Maschinen dominiert und die Welt sieht so ähnlich aus wie in Aldous Huxleys Buch "Brave New World". Der Mensch ist dann nur noch ein störendes Element in einer Welt voller Algorithmen und Maschinen. "Wir sind dann Haustiere von Algorithmen", veranschaulichte Hasler diese Schreckensvision. So weit dürfe es aber nicht kommen. Eine Alternative sei daher seine zweite Zukunftsvision.

Seiner Einschätzung nach soll der Mensch als Kreateur auftreten und die Maschine ihm nur assistieren. Anstatt auf Rationalität, was Maschinen sehr gut beherrschen, sollte der Mensch sich auf andere Stärken fokussieren. Wenn der Mensch etwa von stupiden Tätigkeiten durch Maschinen befreit würde, wie etwa die Buchhaltung oder andere administrative Tätigkeiten, dann habe er mehr Zeit zum Denken.

Hierfür sei es wichtig, dass weniger auf Fachkompetenzen und mehr auf kreative Aspekte geschaut werde. Es brauche ein neues Verständnis vom Lernen. Denn Sachen wie Inspiration oder Ehrgeiz könnten Maschinen bisher nicht. Roboter haben auch keine Leidenschaft, sagte Hasler weiter. Mit den Worten "Besser als die Maschine ist der Mensch nur als Mensch" entliess er die Gäste, damit sie über seine Aussagen nachdenken sollten.

Gut besuchte Veranstaltung

Durch die Veranstaltung führte wie schon in den Vorjahren Moderator Reto Brennwald, bekannt vom Fernsehen und als Journalist. Er hatte für die Gäste so einige knifflige Fragen in petto. Zur Veranstaltung kamen fast 1000 Gäste, der Kursaal in Bern war damit sehr gut gefüllt. Die Pausen wurden rege für den Austausch und das Networking genutzt. Marc Furrer erhielt zudem eine Auszeichnung für sein Lebenswerk.

Zum Ende der Veranstaltung kündigte Peter Grütter auch die Termine für die nächsten Events des Verbands an. Das 18. asut-Kolloquium wird am 22. November im Kursaal Bern stattfinden.

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